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Kirchentag in Stuttgart
Gottes Reich in der Porsche-Arena

Kirchentag in Stuttgart: Gottes Reich in der Porsche-Arena
Rund 6000 evangelische Pietisten feiern ihren "Christustag" in Stuttgart. FOTO: dpa, pse lof
Stuttgart. In Stuttgart finden zwei Großveranstaltungen parallel statt: der evangelische Kirchentag und der evangelikale Christustag – direkt nebeneinander und doch Welten voneinander entfernt. Beim Kirchentag ist die Welt kompliziert, beim Christustag ist sie ganz einfach. Zum Beispiel im Streit um die Homo-Ehe. Von Frank Vollmer

Frömmigkeit inspiriert nicht automatisch zu literarischen Höhenflügen. Wer dafür noch einen Beweis braucht, wird an diesem Donnerstagmorgen in der Stuttgarter Porsche-Arena fündig. Auf der Bühne steht Andrea Frey; laut Selbstdarstellung im Internet macht sie mit ihrer Band "Musik von der Zerbrechlichkeit der Menschen und der Herrlichkeit Gottes". Jetzt gerade geht es um die Bibel. "In der Heiligen Schrift suche ich dich, / In der Heiligen Schrift finde ich mich", singt Frey, und: "Lass mich, Herr, von deinem Wesen / Zwischen deinen Zeilen lesen."

Frey und Band sind einer der musikalischen Anker des "Christustags" in Stuttgart, eines Großtreffens pietistisch-evangelikaler Protestanten. In Baden-Württemberg ist der Pietismus besonders stark – eine konservative, stark auf Bibellektüre und ein persönliches Verhältnis zu Christus zielende Bewegung mit mehrhundertjähriger Tradition. Erstmals ist der Christustag in Stuttgart mit seinen rund 6000 Besuchern integriert in das Programm des evangelischen Kirchentags, zu dem rund 100.000 Teilnehmer erwartet werden. Beide Veranstaltungen trennt räumlich nur das Foyer zwischen Schleyer-Halle und Porsche-Arena. Inhaltlich aber liegen zwischen Christus- und Kirchentag Welten.

Beim Christustag sitzt Schuh-Unternehmer Heinrich Deichmann auf dem Podium. Von Moderator Ralf Albrecht, einem Dekan aus Nagold im Nordschwarzwald, wird er gefragt, was denn kluges Unternehmertum heute ausmache. "Damit wir klug werden" ist das Motto des Kirchentags, "Dein Wort macht mich klug" die Devise des Christustags. Klugheit, sagt Deichmann, während hinter der Kulisse eine Maschine Trockeneis in die Luft pustet, bedeute natürlich eine erfolgreiche Geschäftsstrategie. Das sei aber nicht alles: "Ein Unternehmen gut zu führen, heißt, es in Verantwortung vor Gott zu führen. Gott wird fragen, was wir mit unserem Geld beigetragen haben zum Aufbau seines Reiches." Da habe Deichmann ja die Klugheits-Losungen "genial ausgelegt", lobt Moderator Albrecht, noch dazu mit Worten, die "nicht sehr salonfähig" seien: "Ein gewisser Moralverfall wird ja von vielen Stellen diagnostiziert."

Etwa 250.000 Menschen kamen zum Eröffnungsgottesdienst des Evangelischen Kirchentages in Stuttgart. FOTO: dpa, wok lre

Keine Debatte, sondern Werbung

Beim Christustag geht es nicht um Debatte, sondern um Werbung. Mission, würden die Veranstalter sagen. Zwar betonen beide Veranstalter, Christus- und Kirchentag hätten sich wieder angenähert. Aber der 1956 begründete Christustag kann seine Wurzeln nicht verleugnen: dass er sich nämlich lange explizit als Gegenbewegung zum Kirchentag entstand.

Das wird auch ganz unverblümt gesagt. Sie leide an diesem Kirchentag, sagt etwa Dorothee Gabler, Dozentin für Altes Testament an der Evangelischen Missionsschule in Unterweissach nordwestlich von Stuttgart – weil dessen Organisatoren sich geweigert hätten, "das Thema Judenmission noch einmal ganz grundsätzlich aufzumachen". In der Tat liegen wenige Dinge der Evangelischen Kirche in Deutschland und den meisten Landeskirchen ferner, als über Judenmission zu debattieren; im evangelischen Mainstream ist das mit Verweis auf den Holocaust verpönt, ja fast ein Tabu.

Ein Gast aus der Ukraine

Die Pietisten nun stellen Anatoli Uschomirski vom "Evangeliumsdienst für Israel" aufs Podium, einen aus der Ukraine stammenden messianischen Juden. Seine Glaubensgemeinde, weltweit vielleicht 250.000 Anhänger stark, sieht in Jesus den Messias, was der Rest des Judentums scharf ablehnt. Er beobachte, klagt Uschomirski, mit Sorge ein "total liberales, intellektuelles Christentum, das sich von seinen jüdischen Wurzeln getrennt hat". Einen NS-Vergleich hat er auch parat: Wie 1933 die braunen "Deutschen Christen" alles Jüdische aus dem Christentum hätten tilgen wollen, "so mache ich mir Sorge, dass die Kirche heute eine Fehlentwicklung nimmt".

Das ist, vorsichtig gesagt, eine sehr schematische Weltsicht. Komplizierter ist es nebenan, beim Kirchentag. Dort diskutiert Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Jenaer Soziologen Hartmut Rosa über die Bedingungen guten Lebens. Genauer müsste man sagen: Gauck fetzt sich mit Rosa, der eine Abkehr vom Wachstumsgedanken gefordert hat und weniger Wettbewerb will, weil Angst nicht die Triebfeder einer Gesellschaft sein dürfe. Der intensive Applaus zeigt, dass er einen Nerv der Besucher getroffen hat. Bei Gauck auch, nur ganz anders: Der "Herr Professor" Rosa betreibe eine "Verächtlichmachung der Welt", echauffiert sich der Präsident – Wettbewerb sei ein Lebensprinzip des Menschen, und man dürfe nicht alle Fehlentwicklungen der Gesellschaft anlasten. Zum Parteienstreit um die Gleichstellung der Homo-Ehe will Gauck sich eigentlich nicht äußern, tut es dann aber irgendwie doch – er habe in seinem Leben die Erfahrung gemacht: "Glauben und das unbedingte Ja zur Aufklärung gehören zusammen." Das darf man als verklausuliertes Ja verstehen.

"Zeit zum Aufstehen"

Beim Christustag hat man auch Angst. Allerdings weniger vor unbarmherzigem Wettbewerb. Gudrun Lindner, ehemals Mitglied im Rat der EKD, wirbt für die von ihr mitbegründete Initiative "Zeit zum Aufstehen": Viele Menschen suchten Orientierung, "aber die Kirche sagt nur ,Einerseits – andererseits‘. Wir müssen wieder eindeutig werden." Das bedeutet offenbar auch ein Eintreten gegen die Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften, auch wenn das so klar nicht gesagt wird: "Wir stehen ein für die Ehe von Mann und Frau und gegen ihre Entwertung", heißt es in der Erklärung der Initiative, die auch vom neuen sächsischen Landesbischof Carsten Rentzing unterstützt wird.

Der Imagefilm für die Kampagne, der in der Porsche-Arena gezeigt wird, drückt es so aus: "Wir treten ein gegen Lehren und Ideologien in unseren Kirchen und in der Gesellschaft, die das Herzstück unseres Glaubens preisgeben." Die Zustimmung ist groß: Als Lindner und Moderator Albrecht demonstrativ aufstehen, um das Motto zu würdigen, tut es ihnen das halbe Publikum nach.

Das Programm des Christustags in Stuttgart endet am späten Mittag. Zeit genug wäre für die Besucher, mit der U1 hinüberzufahren nach Fellbach. Dort spricht am Nachmittag unter anderem Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) über neue Familienmodelle. Die Gegensätze sind ungewohnt hart auf diesem Kirchentag.

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