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Stadtarchiv Köln: Klüngel und Intrigen

VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 26.03.2009 - 21:26

Köln (RP). Drei Wochen nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs liegen im Koordinierungsstab die Nerven blank. OB Fritz Schramma gilt als isoliert. Er sieht sich als Opfer einer rot-grünen Verschwörung.

Guido Kahlen ist Stadtdirektor der Stadt Köln. Ein Mann, der seine Worte mit Sorgfalt wählt. Doch diesmal kann er seinen Frust nicht verbergen: „Im Koordinierungsstab wurden in der vergangenen Wochen Dinge thematisiert, von denen ich vorher nie gehört hatte”, empört sich der Sozialdemokrat. „Es ging um Protokolle, die ich nicht kannte, und um Befunde aus der Vorgeschichte des Archiveinsturzes. Da hatte ich wahrlich anderes im Kopf, als auf die Infrastruktur im Saal zu achten.”

Kahlen ist sauer. Er war es, der im Krisenstab die Entscheidungen traf, als Oberbürgermeister Fritz Schramma noch im Österreich-Urlaub weilte. In den Tagen nach der Katastrophe koordinierte er den Einsatz an der Unglücksstelle.

Am 14. März übernahm Schramma die Regie. Seitdem ist vieles schief gelaufen. Am 3. März, kurz vor 14 Uhr, stürzt das Kölner Stadtarchiv zusammen. Viele Kölner empfinden das Unglück wie einen Anschlag auf die „Kölner Seele”. Nun ist Führungsstärke gefragt. Doch es läuft von Anfang an nicht gut für Schramma. Am Morgen nach dem Unglück gibt er an der Absperrung in Pullover und Freizeitjacke Interviews.

Baustopp, Herr Schramma? Oder wird weitergebohrt? „Auf keinen Fall”, sagt der OB bestimmt, wenig später muss er nach Gesprächen mit Experten zurückrudern. Viele Kölner fühlen sich im Stich gelassen. Vor allem von den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB), denen in Köln seit jeher nicht viel zugetraut wird. Die schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich.

So kommt heraus, dass die KVB seit September 2008 von den Grundwasserproblemen in der Baugrube am Waidmarkt wussten. Ein erster „hydraulischer Grundbruch”, der auch als Ursache für das Unglück gilt, wurde offenbar nicht ernst genommen. Auch Beamte der städtischen Bauverwaltung, so weisen Protokolle aus, wussten Bescheid. Nur der Oberbürgermeister nicht. Hat er seine Verwaltung nicht im Griff?

Schramma wittert eine Intrige und leitet ein Disziplinarverfahren gegen Baudezernent Bernd Streitberger (CDU) ein. Der entschuldigte sich am Donnerstag. Wer wusste aber wann Bescheid? Und welches Parteibuch hat der Sündenbock? Das kann für den Ausgang der Kommunalwahl in Köln entscheidend sein. Zunehmend liegen die Nerven blank. „Et hätt noch immer jot jejange” ­ diesmal scheint sich die Kölner Regel nicht zu bewahrheiten.

Mit Baudezernent Streitberger und dem KVB-Vorstand Walter Reinarz stehen zwei Unions-Mitglieder massiv in der Kritik. Das passt den Parteistrategen im Rathaus nicht. Schließlich sitzen im Verwaltungsvorstand der Stadt auch Sozialdemokraten und Grüne. Der Konsens, der kurz nach der Katastrophe bestand, weicht einem Klima des Misstrauens.

Als schließlich bekannt wird, dass Schramma zwei Sitzungen des Koordinierungsstabs aufzeichnen ließ, platzt Stadtdirektor Kahlen der Kragen. Er weist den OB darauf hin, dass die Mitschnitte strafbar sind. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Schramma. Der sieht sich als Opfer einer rot-grünen Verschwörung. Was er erlebe, sei „beispielloser, unfairer und schäbiger Wahlkampf”, beschwert er sich gestern in der Ratssitzung. Der Vorwurf, er habe „abhören wollen”, sei „absurd”. Das Aufnahmegerät habe „gut sichtbar” auf dem Tisch gestanden.

„In unserem Veedel hält man zusammen”, lautet der Refrain eines populären Bläck-Fööss-Songs. Die Solidarität der Menschen gehört zum Lebensgefühl in der Stadt. Schramma hat es bislang nicht geschafft, das „Wir-Gefühl”, das in Krisenzeiten besonders ausgeprägt ist, für sich zu nutzen. In der Stadtspitze gilt er als isoliert.

Anders als der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, der nach den Anschlägen vom 11. September als Held gefeiert wurde, droht Schramma zur tragischen Figur zu werden. CDU-Fraktionschef Granitzka warnt davor, den „Kölner Ground Zero” zum „Steinbruch des Wahlkampfs” zu machen. Doch es ist klar, dass es genau so kommen wird. Schramma, so fordern SPD und Grüne, müsse die „politische Verantwortung übernehmen”.

Eine Last, die für den ehemaligen Lateinlehrer immer schwerer wird. Gestern wurde bekannt, dass sich eine alte Dame, die durch das Unglück ihre Wohnung verloren hat, das Leben genommen hat. Die 85-Jährige war vom Wohnungsamt in einem Hotel einquartiert worden. Jetzt wird sie als „drittes Opfer” der Katastrophe gezählt.

Weitere Artikel zu dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs finden Sie hier.


 
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