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Liebe im Rheinland: Kölner Fluchten

zuletzt aktualisiert: 28.04.2004 - 14:45

Düsseldorf (RP). Wieso haben Kinofilme über Liebe im Rheinland geradezu kolossal zugenommen? Weil überhaupt alle Filme im Rheinland zugenommen haben. Das liegt erstens am hochrangigen Produktionsstandort Köln mit seinen vielen Sendern, entsprechend vielen Fachleuten und Studios. Und das liegt zweitens an der Filmförderungspolitik mit der federführenden Filmstiftung NRW (Land und Sender), die für ihre verschiedenen Aufgabenbereiche circa 40 Millionen Euro pro Jahr vergibt. Und die stärkt den Medienstandort NRW, indem ein hoher Prozentsatz der Fördergelder etwa für Kinofilme gezielt in NRW ausgegeben werden muss.

So kommt es etwa, dass im Film Marc Ottikers, „Halbe Miete“ (2002), ein junger Berliner nach dem Selbstmord seiner Freundin verstört den Zug nach Köln nimmt, um dort ein neues Leben, vielleicht eine neue Liebe zu suchen - sie wird Paula heißen - und sich stundenweise in fremde Wohnungen einzunisten. Da war der Umzug nach Köln für die Produktion buchstäblich schon die halbe Miete. So kam es auch, dass die ebenfalls ursprünglich Berliner Punk-Drogen-Geschichte „Engel + Joe“ von Vanessa Jopp mit Robert Stadlober und Jana Pallaske nach Kai Hermann (Reportage „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) von dort direkt auf die Kölner Domplatte schlitterte, von wo sich die eigentlich deprimierende Fixer- und Prostituierten-Story der beiden minderjährig Liebenden sich hoffnungsfroh zu einer Gesundung in die Berge flüchtet.

Es ist also eben nicht nur allein das unverwechselbare Kölner Lokalkolorit (wie etwa in Böll/Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1975), das heute Filmproduktionen in die Domstadt zieht, sondern es ist der Medien-Standort und vor allem die Kohle, die es früher im Ruhrgebiet gab, aber heute papieren in Düsseldorf (Sitz der Filmstiftung) und Köln (Sender).

Auch Kai Wessels charmanter Teenie-Rückblick „Das Jahr der ersten Küsse“ auf die 80er mit Oliver Korittke, gedreht in Köln, oder Horst Sczerbas „Herz“, ein tragikomischer Episodenreigen um die Liebe aus einer Kölner Nachbarschaft, zentriert um ein Tauch-Studio, könnten wohl ebenfalls anderswo gedreht worden sein. Wenn auch letzterer „so gemächlich plätschert wie die trüben Fluten des Rheins am Dom“ (Frankfurter Rundschau). Andere urteilten über ihn weit positiver bis hin zu „,Short Cuts’ am Rhein“.

Das Gelingen, Halbgelingen oder Scheitern von Liebesfilmen im Rheinland hat mit der Lokalität selber also nicht unbedingt etwas zu tun. Tom Tykwers wundersame Liebes-Ballade „Der Krieger und die Kaiserin“ (2000) wurde an so noch nie gesehenen Lokalitäten in Wuppertal mit Benno Führmann und Franka Potente gedreht, und Michael Althen schwärmte: „Aus Deutschland wird, wenn die Kamera über Wuppertal durch die Dämmerung schwebt, ein Märchen“ (SZ). Und in Almut Gettos - trotz des abstoßenden Titels „Fickende Fische“ - bewegender Komödie über die Liebe eines unschuldig durch Blutkonserve HIV-positiven 16-Jährigen wurden die Aquariumsszenen im Kölner Zoo gedreht, obwohl die Geschichte eigentlich in Münster spielt. Es folgt wiederum eine Flucht weg (hier ins Ausland) - als wäre der Deutschen Lieblingswunsch gerade in Liebesdingen stets Ortswechsel.

Nicht ohne Grund ist jene Fanny in Doris Dörries „Keiner liebt mich“ (1999) im Reisegewerbe: Ist Security-Kontrolleurin mit Detektor und Durchleuchtgerät am Flughafen Wahn (was für ein Name). Einer der wenigen Filme, der trotzdem nicht flieht, weg will, sondern bleibt. Nur imaginär flieht. In Köln. Da lebt sie (Maria Schrader) in einem schäbigen Zentrumsrand-Hochhaus, das bald abgerissen wird, sehnt sich nach einem Traumprinzen, hat einen Todes-Tick, indem sie schwarzgekleidet Sterbeseminare besucht. Orfeo (!), ihr wunderschöner schwarzer Nachbar, schwul, Wahrsager und Travestiekünstler in Bars, wird bald sterben - vermutlich an Aids. Er malt sich weiße Totenkopf-Konturen ins schwarze Antlitz, kann den stecken gebliebenen Aufzug durch seine magische Spiritualität (oder ist es sein Hüpfen?) zur Weiterfahrt bezaubern.

Da haken wir Sönke Wortmanns witzelnde Schwulenklamotte „Der bewegte Mann“ als unterrepräsentativ für die riesige Kölner Homoszene einfach so noch mal mit ab.

Von SEBASTIAN FELDMANN

<P>Nach Big Brother will die Produktionsfirma Endemol auf den Erfolg einer Kirchensendung setzen.  Foto: RPO
<P>Nach Big Brother will die Produktionsfirma Endemol auf den Erfolg einer Kirchensendung setzen. Foto: RPO

 
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