Psychiatrisches Gutachten: Kofferbomber ist voll schuldfähig
zuletzt aktualisiert: 01.07.2008 - 15:17Düsseldorf (RPO). Laut einem psychiatrischen Gutachten ist der mutmaßliche Kofferbomber von Köln voll schuldfähig. Psychiater Norbert Leygraf erklärte vor dem Landgericht Düsseldorf am Dienstag, dass bei dem Angeklagten Youssef E. H. keine Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung vorliegen. Die Persönlichkeit des Mannes weise jedoch einige Auffälligkeiten auf.
Nach dem Gutachten, das Leygraf zusammen mit dem Essener Psychologen Norbert Schalast erstellte, war eine Lebenskrise des Angeklagten offenbar Auslöser für die geplante Tat. El-Hajdib habe mit seinem Ingenieurstudium in Deutschland unter hohem Erwartungsdruck seiner Familie gestanden. Als das Studium wenig erfolgreich verlaufen sei, habe er sich in terroristische Pläne geflüchtet. Mit einem Sprengstoffanschlag auf Nahverkehrszüge habe er sich die fehlende Anerkennung verschaffen wollen.
Mit seinem Studium sollte El-Hajdib den Gutachtern zufolge die Ehre der Familie wiederherstellen helfen. Diese war aus vor Gericht nicht geklärten Gründen in die Armut abgerutscht. El-Hajdib sei als jüngstes von 13 Kindern als "hochbegabter Hoffnungsträger" gesehen worden, sagte Schalast. Er habe mit dem Studium in Europa "das große Los" gezogen, dann aber die notwendige Leistung nicht erbracht. "Das hat sein Selbstwertgefühl berührt", fügte er hinzu. Gescheitert sei der im Gutachten als durchschnittlich intelligent beurteilte el-Hajdib weniger aus Mangel an Begabung, sondern wegen fehlender Disziplin.
Wegen seiner Probleme, in Deutschland zurechtzukommen, habe el-Hajdib in der Religion eine Stütze gefunden, stellten die Gutachter weiter fest. Zeugen hatten im Verlauf des inzwischen sechsmonatigen Verfahrens von einer gewaltbereiten islamistischen Einstellung des Angeklagten berichtet. Ein "narzisstisches Motiv", etwas Bedeutendes zu leisten, habe sich dann mit islamistisch geprägten Racheimpulsen verbunden, so das Gutachten. Dass el-Hajdib kurz vor dem Zeitpunkt der geplanten Anschläge noch eine Hochschulprüfung ablegte, zeigt aus Sicht der Gutachter, dass der Angeklagte ein "Bild der Normalität" aufrechterhalten wollte.
In dem Prozess vor dem OLG muss sich el-Hajdib wegen versuchten Mordes und versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion verantworten. Laut Anklage soll er am 31. Juli 2006 im Kölner Hauptbahnhof gemeinsam mit seinem Komplizen Jihad Hamad zwei Sprengsätze in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz deponiert haben. Wegen eines Konstruktionsfehlers waren die Kofferbomben nicht explodiert. El-Hajdib hatte vor Gericht ausgesagt, er sei zu der Tat gedrängt worden und habe die Bomben deshalb bewusst so manipuliert, dass sie nicht hochgehen konnten.
Im Dezember 2007 war el-Hajdib für den versuchten Anschlag von einem libanesischen Gericht in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Der im Libanon gefasste Hamad erhielt dort zwölf Jahre Haft. Sein Urteil ist inzwischen rechtskräftig. Vor dem OLG wird ein Urteil gegen el-Hajdib im September erwartet.
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