Immer mehr Promis bekennen sich: Krebs – die öffentliche Krankheit
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 22.04.2009 - 10:52Köln (RP). Zum ersten Mal sprachen Ingrid und Manfred Stolpe gestern in der Sendung "Menschen bei Maischberger" über ihre Krebserkrankungen. Immer mehr kranke Promis bekennen sich öffentlich – vor allem, um aufzurütteln.
In Australien nannte man es den "Kylie-Effekt". Nachdem Pop-Sängerin Kylie Minogue 2005 öffentlich ihren Brustkrebs thematisierte, stieg die Quote der Mammographien um 40 Prozent. Vor allem jüngere Frauen ließen sich untersuchen – aus ärztlicher Sicht erfreulich. Für die Vorsorge sensibilisieren, Hoffnung geben, sich selbst positionieren im Kampf gegen den Krebs – wenn Prominente über ihre Krankheit reden, hat das meist viele Gründe.
"Ich bin der Meinung, dass man offen damit umgehen sollte", erklärte Ingrid Stolpe am Dienstag in der Sendung "Menschen bei Maischberger". Erstmals sprach die an Brustkrebs erkrankte Ehefrau des ehemaligen Ministerpräsidenten von Brandenburg, Manfred Stolpe, über ihr Leiden. "Ich habe gedacht, das könnte auf andere positiv wirken und Vorbildcharakter haben."
Hildegard Knef machte den Anfang
Mittlerweile scheint der öffentliche Kampf gegen den Krebs vielen Promis nur konsequent. Wer öffentlich lebt, verhandelt dort auch sein Schicksal. Den Anfang machte Hildegard Knef. In den 70ern bekannte sie sich in den Medien zu ihrem Brustkrebs, zu einer Zeit, als Krebs zu den gesellschaftlichen Tabuthemen zählte und selbst Ärzte es vermieden, ihren Patienten die Wahrheit zu sagen. Das habe sich heute Gott sei Dank geändert, freute sich Stolpe, die selber als Ärztin gearbeitet hat. Sie und ihr ebenfalls krebskranker Mann hätten gelernt, sich mit der Diagnose zu arrangieren, ruhig zu leben. "Wir begegnen der Krankheit mit einer gewissen Gelassenheit", so Manfred Stolpe.
Ein Tabubruch ist das mediale Bekenntnis zum Krebs heute zwar nicht mehr, aber immer noch bemerkenswert, jenseits des Alltäglichen. Die Krankheit macht alle gleich, lautet eine Botschaft, der Star bekennt sich zu seiner Vergänglichkeit – und kann dabei eigentlich nur gewinnen.
Schlingensief bei Beckmann
Künstler Christoph Schlingensief etwa, vom Lungenkrebs gezeichnet, zeigte sich am Montag bei "Beckmann" als tief im katholischen Glauben verwurzelter, ins Leben verliebter Mensch, der sich differenziert mit Krankheit und Tod beschäftigt. Sogar ein Tagebuch hat er geschrieben über seinen Leidensweg, setzt dem plötzlich nahen Tod so etwas Bleibendes entgegen und versucht, ihm den Schrecken zu nehmen. Elke Heidenreich, selbst ehemalige Krebspatientin, findet in derselben Sendung erklärende Worte: "Man muss sein Schicksal annehmen!"
Ob Rad-Profi Lance Armstrong, Sängerin Anastacia oder Schwimmerin Janine Pietsch – die Liste derjenigen, die ihr Schicksal annehmen und anderen Mut machen, ist lang, wird immer länger. Jetzt gehören die Stolpes auch dazu. "Leute, kümmert euch, guckt nach, geht zur Vorsorgeuntersuchung!", lautet ihre Botschaft. Und: "Sich nicht verrückt machen lassen."
Wie schmal der Grat ist, wie viel Kraft es kosten kann, das eigene Leiden zu thematisieren, zeigt das Beispiel Schlingensief. Der 48-Jährige musste gestern seine Buchvorstellung in Berlin absagen. Nach "Beckmann" habe er einen Fieberschub erlitten, heißt es. Das öffentliche Bekenntnis hilft vielleicht im Kampf gegen den Krebs, besiegen aber kann es ihn nicht.
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