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Aufregung in NRW
Kritik von Schülern: Mathe-Abitur war zu schwer

Abitur 2013 in Leverkusen: Mottowoche an der Marienschule
Abitur 2013 in Leverkusen: Mottowoche an der Marienschule FOTO: Miserius, Uwe
Düsseldorf. Schon wieder gibt es Aufruhr bezüglich der Abitur-Profungen in Nordrhein-Westfalen. Diesmal gibt es Kritik an den Mathematik-Prüfungen. Beim Zentralabitur haben die Mathe-Grundkurse Aufgaben erhalten, die sie aus der Vorbereitung angeblich nicht kannten. Von Leslie Brook und Frank Vollmer

Simon Müller* ist ein guter Schüler. Ins Mathe-Abitur ist er mit einer Vornote von 10,25 Punkten, einer Zwei minus, gestartet. Doch die Aufgaben des Mathematik-Grundkurses, die er am Mittwochmorgen vorgelegt bekam, seien kaum zu lösen gewesen. "Die abgebildete Funktion haben wir in der Vorbereitung nicht gehabt, und auch die anderen Aufgaben waren extrem schwer", sagt der 18-jährige Krefelder. Er schildert, wie einige Mitschüler anfingen zu weinen. "Auch ich bekam Angst, dass ich die Klausur nicht schaffe, dass ich mir mein Abitur kaputt mache – und damit meine Aussicht auf einen Studienplatz." Dabei sei die Situation ohnehin schwierig wegen des Doppeljahrgangs und des verschärften Numerus Clausus an Universitäten.

Mehr als 3000 Schüler aus Nordrhein-Westfalen haben sich im Internet zu einer Facebook-Gruppe zusammengeschlossen. Sie nennt sich "Protest gegen Mathe-Abiturklausur '13". Dort äußern Abiturienten aus Duisburg, Düsseldorf und Emmerich Kritik an den diesjährigen Aufgaben und an der Vorgehensweise des Schulministeriums beim Zentralabitur. Zudem gibt es eine Petition im Internet, die von einer Schülerin aus Essen gestartet wurde. Am kommenden Dienstag wollen etliche Abiturienten vor dem Düsseldorfer Landtag demonstrieren. Die Forderung: eine Wiederholungsklausur zu fairen Bedingungen.

Kritik auch von Lehrern und Eltern

Auch Lehrer und Eltern kritisieren die Aufgaben. "Leider scheint es die Bezirksregierung seit dem Zentralabitur nicht hinzubekommen, ein gleiches Niveau in die Matheklausuren zu bringen", berichtet ein Lehrer vom Niederrhein. "Die Aufgaben waren überdurchschnittlich schwer." Die Aufgabenstellung für den Grund- und Leistungskurs sei in Teilen identisch gewesen. "Wenn nur eine Schule klagen würde, würde ich als Vater nichts sagen, dann wäre das die Sache des Fachlehrers, aber hier handelt es sich um ein landesweites Problem", so der Vater einer Abiturientin aus Düsseldorf.

Dass die Aufgaben des Zentralabiturs in Mathematik als zu schwierig empfunden werden, kommt in NRW nicht zum ersten Mal vor. Bereits im vergangenen Jahr klagten Schüler der Leistungskurse, die einzelnen Aufgaben seien so schwer gewesen, dass oft nur die Besten mit der Klausur fertig geworden seien. Handfeste Probleme gab es 2008 und 2011. Vor zwei Jahren löste erst eine missverständliche Formulierung in einer Aufgabe Irritationen aus; dann tauchte in der Nachschreibeklausur ein Zahlenfehler auf. 2008 machte der "Oktaeder des Grauens" Furore – eine Geometrie-Aufgabe, an der viele Schüler scheiterten; 1900 schrieben ihre Klausur noch einmal.

Die Abitur-Aufgaben in Mathematik werden wie in den anderen Fächern von Lehrern entworfen und von anderen Lehrern überprüft. Die Schulen laden die Aufgaben zwei Tage vorher aus dem Internet herunter; der Fachlehrer wählt vor der Klausur zwei (für den Grundkurs) beziehungsweise drei Aufgaben (Leistungskurs) aus, die dann bearbeitet werden müssen.

Klausuren mit "Haken und Ösen"

"Dass eine Klausur, auch im Abitur des Doppeljahrgangs, einen gewissen Leistungsanspruch hat, ist nicht zu kritisieren", sagt Peter Silbernagel, Landesvorsitzender des Philologenverbands und selbst Mathematik-Lehrer. Die diesjährigen Abitur-Klausuren hätten "Haken und Ösen" gehabt; manche Lehrer hätten bei der Auswahl der Aufgaben Mühe gehabt, eine Klausur zusammenzustellen, die "gut ging". Die Aufgaben seien aber trotzdem jede für sich lösbar gewesen. Silbernagel treibt eine ganz andere Sorge um: "Mathematik darf nicht jedes Jahr im Abitur schwerer sein als andere Fächer. Sonst schreckt das auf mittlere Sicht die Schüler ab, das Fach zu wählen." Er schlägt deshalb vor, das Schulministerium möge in einem Expertengespräch für das Problem überschwerer Klausuren "sensibilisieren".

Im Ministerium registrierte man gestern Beschwerden vor allem von betroffenen Schülern, weniger von Lehrern. "Wir hatten in den zwei Tagen zwischen Download der Aufgaben und den Klausuren selbst kaum Nachfragen seitens der Schulen – ein Indiz dafür, dass es bei den Aufgaben keinen Fehler gab", sagt eine Sprecherin. Die Aufgaben seien nach bisherigen Erkenntnissen lösbar und lehrplangerecht gewesen: "Wir gehen nicht davon aus, dass ein Fehler offenkundig werden wird." Der Schweregrad einer Klausur sei auch subjektiv. Jörg Sion, auf Schulrecht spezialisierter Rechtsanwalt aus Düsseldorf, sagt: "Wenn sich herausstellt, dass es sich bei den diesjährigen Matheabiturklausuren um ungeeignete Aufgaben handelt, die nicht Teil der Vorbereitung waren, ist das unzulässig. Dann muss es eine Wiederholungsklausur geben."

*Name geändert

(RP/felt/das/gre)
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