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Kurt Kardinal Koch
"Wir brauchen keinen neuen Luther"

Kurt Kardinal Koch: "Wir brauchen keinen neuen Luther"
Der Schweizer Kardinal Kurt Koch in Rom. FOTO: dpa
Düsseldorf. Der Kurienkardinal für Ökumene sieht momentan keinen Konsens auf dem Weg zur Einheit der Kirchen. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er zudem über Martin Luther. Von Reinhold Michels

Sind wir Christen nicht oft "stumme Hunde" ohne genügend Bekennermut? Was hätte Martin Luther wohl dazu gesagt?

Koch Natürlich müssen wir immer unseren Glauben bezeugen und gerade auch im Dialog mit anderen Religionen Farbe bekennen, was der Inhalt unseres christlichen Glaubens ist. Die Stimme des Christentums ist besonders in Europa schwach.

Kardinal Schönborn sprach jüngst davon, dass unser Kontinent sein christliches Erbe verschleudert habe. Und der französische Autor Michel Houellebecq attestiert gar einen kulturellen und geistigen Suizid.

Koch Kardinal Schönborn hat bestimmte Entwicklungen vor Augen. Diesbezüglich stimme ich mit ihm überein. Auf der anderen Seite gibt es auch in Europa lebendiges Christentum. Es ist immer gut zu differenzieren. Die Realität ist bunt und nicht schwarz- weiß.

59 Prozent der Deutschen behaupteten laut Umfrage, unser Land sei nicht von christlichen Werten geprägt. Das alarmiert Sie gar nicht?

Koch Es ist erstaunlich, wie wenig in der Öffentlichkeit über die Bedeutung des Christentums in der Geschichte Europas und seine Auswirkung bis heute bekannt ist. Alarmierend ist, wie viele christliche Werte heute, vor allem was das menschliche Leben betrifft, einer Erosion ausgesetzt sind.

Auch Papst Franziskus fordert ja, dass sich "die Großmutter Europa" unbedingt verjüngen müsse. Aber wie?

Koch Wer seine eigene Vergangenheit nicht kennt oder sie leugnet, wird keine Zukunft haben. Die heutige Krise in Europa lässt sich nur überwinden, wenn die christlichen Wurzeln wieder entdeckt werden. Europa ist nicht nur eine ökonomische, sondern zuerst eine geistig- kulturelle Größe.

Was sagen Sie zu islamischen Aggressionen gegenüber Andersgläubigen, vor allem gegen Christen?

Koch Was die Präsenz des Islam bei uns betrifft, darf es auf der einen Seite keine Panik und auf der anderen Seite keine Blauäugigkeit geben, vor allem im Blick auf die Aggressivität. Als merkwürdig empfinde ich es, dass sich vor allem Parteien auf dem linken Spektrum für den Islam einsetzen, obwohl viele Überzeugungen im Islam nicht ihren parteipolitischen Leitlinien entsprechen. Zudem ist in Europa nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums das eigentliche Problem.

Zurück zu Luther und zur Reformation. Ist Ihr Verständnis für den katholischen Mönch Martin Luther, der als Mensch problematische Züge hatte, im Laufe der Jahre gewachsen?

Koch Sein Grundanliegen, die Kirche in der damaligen Zeit wieder zum Kern des Evangeliums zurückzuführen, ist positiv zu würdigen. Luther wollte die Kirche nicht spalten und auch nicht eine neue Kirche gründen, sondern er wollte sie erneuern. Dass etwas anderes daraus entstanden ist als das, was er gewollt hat, hängt auch mit den politischen Verwicklungen zusammen, in die sein Reformanliegen geraten ist.

Brauchen katholische und evangelische Kirche einen neuen Luther?

Koch Ich glaube nicht, dass wir heute einen neuen Luther brauchen. Beide Kirchen brauchen aber sehr wohl eine Erneuerung im Geist des Evangeliums. Dabei kann man nicht alles auf einen Menschen konzentrieren.

Das sagt ein Kurienkardinal hier in Rom, wo sich die katholische Welt sicht- und hörbar um eine Persönlichkeit, den Papst, dreht?

Koch Natürlich ist der Papst sehr wichtig. Aber Sie haben mich ja gefragt, ob wir einen neuen Luther brauchen. Ich sehe den Papst nicht als neuen Luther, vor allem nicht wegen des Unterschieds zwischen dem, was Luther wollte, und dem, was daraus geworden ist.

Wie sehen Sie denn den Papst?

Koch Als jemanden, der die Kirche wieder zur Mitte des Glaubens und des Evangeliums bringen will.

Die Quintessenz der Ökumene kann ja nicht in einem "Seid nett zueinander" bestehen. Besteht die Gefahr, dass man sich etwas vormacht, was Ökumene-Fortschritte angeht?

Koch Wenn man bedenkt, was sich Lutheraner und Katholiken in der Geschichte wechselseitig angetan haben, sollte man es nicht banalisieren, dass heute beide friedlich miteinander leben. Und wenn beide sich beim Reformationsgedenken auf das Christusgeheimnis als Kern des christlichen Glaubens zurückbesinnen, wird dies für beide Kirchen und für die Ökumene gewiss nicht ohne Folgen sein.

Viele Menschen in Deutschland halten die katholische Kirche für nicht mehr zeitgemäß.

Koch Die Kirche muss vor allem ursprungsgemäß sein. Sie muss dem Evangelium treu bleiben, dieses aber auf zeitgemäße Art verkünden. Wenn man unter zeitgemäß hingegen versteht, dass sich die Kirche dem Zeitgeist anpassen müsse, dann darf sie in diesem Sinne nicht zeitgemäß sein.

Warum gelingen vor allem hierzulande ökumenische Durchbrüche nicht schneller?

Koch Das Hauptproblem besteht heute darin, dass wir weitgehend keine gemeinsame Sicht des Ziels der Ökumene mehr haben.

Was meinen Sie damit?

Koch Für uns Katholiken besteht das Ziel der Ökumene in der sichtbaren Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern. Demgegenüber erblicken nicht wenige der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen das Ziel bereits darin, dass sich die Kirchen so, wie sie heute sind, einander als Kirchen und damit als Teile der einen Kirche Jesu Christi anerkennen. Wenn kein Konsens darüber besteht, wohin die ökumenische Reise gehen soll, ist es schwierig, die nächsten Schritte anzuvisieren.

Reinhold Michels führte das Gespräch.

Quelle: RP
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