Prozess gegen mutmaßlichen KZ-Wachmann: KZ-Überlebender erkennt Demjanjuk nicht wieder
zuletzt aktualisiert: 19.01.2010 - 18:56München (RPO). Der Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann John Demjanjuk ging am Dienstag weiter. Ein Überlebender hat seine Erlebnisse im Vernichtungslager Sobibor geschildert, den Angeklagten aber nicht wiedererkannt. "Ich kann nicht sagen: Demjanjuk war in Sobibor", gab der 82-jährige Thomas Blatt vor dem Landgericht München zu Protokoll.
Blatt sei im April 1943 als 15-Jähriger in das Lager im heutigen Polen gebracht worden und könne sich mehr als 60 Jahre später nicht einmal mehr an das Gesicht seiner Mutter erinnern, die dort umkam. Ukrainische Wachmänner, Trawniki genannt, zu denen auch Demjanjuk gehört haben soll, seien "das wichtigste Personal" gewesen. "Ohne sie konnte die Todesfabrik nicht arbeiten."
Demjanjuk wird im vermutlich letzten großen Prozess um Nazi-Verbrechen Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen vorgeworfen. Der 89-Jährige, der das Verfahren in einem eigens im Gericht aufgestellten Bett bisher ohne ein Wort verfolgt hat, bestreitet die Anschuldigungen.
Sein Anwalt bezeichnet ihn selbst als Opfer, weil er als Kriegsgefangener den Nazis habe dienen müssen und umgebracht worden wäre, wenn er deren Befehle nicht ausgeführt hätte. Blatt, einer der Nebenkläger des Prozesses, äußerte sich empört über diese Argumentation: "Nur ein Idiot kann das sagen." In Sobibor wurden mindestens 250.000 Juden ermordet, überwiegend durch Abgase.
"Trawniki waren schlimmer als Deutsche"
"Ukrainer wie Mr. Demjanjuk haben uns bewacht, damit wir nicht weg können", sagte Blatt weiter. Er wolle aber nicht über dessen Schuld befinden. "Das ist Sache des Gerichts." Blatt sagte, er habe nicht viel Kontakt zu den Wachmännern gehabt. Aus eigener Erfahrung und durch Erzählungen Mitgefangener könne er aber sagen: "Die Trawniki waren schlimmer als die Deutschen."
Sie hätten Bajonette getragen, die Lagerinsassen geschlagen und Ankommende mit Gewalt in die Gaskammern getrieben. Er erinnere sich an ihre oft blutigen Stiefel. Mit den jüdischen Häftlingen, die wie er selbst zum Arbeitseinsatz eingeteilt waren, hätten die Trawniki auch Geschäfte gemacht. "Die wollten Geld, Gold oder Wodka."
Blatt, der im heutigen Polen geboren wurde und seit Jahren in den USA lebt, berichtete weiter, schon bei der Deportation sei ihm, seiner Familie und den vielen anderen Juden aus seinem Heimatort die Ausweglosigkeit ihrer Situation klar gewesen. "Wir haben gewusst, wir würden sterben, wir würden vergast werden." Wie das - auf den ersten Blick friedlich wirkende - Lager funktionierte, habe er erst nach der Einteilung zum Arbeitseinsatz verstanden.
Warum er ausgewählt wurde, wisse er nicht. Blatt musste im Lager Wege anlegen, Forstarbeit verrichten, Häftlingen vor dem Gang in die Gaskammern die Haare scheren und auch ihre Dokumente verbrennen.
Bis heute verfolgten ihn die Erinnerungen. "Meine Träume sind so wirklich. Ich kann nicht weg, ich bin noch dort." Diesen Preis müsse er zahlen, auch als "Zeuge in einem Prozess um Massenmord", sagte Blatt, aber: "Ich lebe noch."
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