Kompresse im Körper vergessen: Leben nach einem OP-Fehler
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 25.07.2007Moers (RP). Seit Ärzte vor vier Jahren eine bei einer Herz-OP vergessene Kompresse aus ihm herausoperierten, geht es Gerwin Holtmann schlecht. Der 79-Jährige fühlt sich als Opfer medizinischer Fahrlässigkeit. In den Kliniken setzt man auf Risikomanagement, um Fehler zu vermeiden.
Gerwin Holtmann wirkt erschöpft. Vor dem 79-Jährigen liegt ein Operationsprotokoll. Für den früheren Unternehmer aus Moers markiert der Eingriff, den es beschreibt, den Beginn seiner Leidensgeschichte. Mehr als 30 Krankenhaus-Aufenthalte in vier Jahren umfasst sie, und ein abschließendes Urteil: Nichts mehr zu machen, Sein Zwerchfell sei zerstört, so Holtmann, die Lunge angegriffen. „Ich vermeide den Begriff Krüppel, aber eigentlich bin ich das“, sagt er. Und zeigt wieder auf den OP-Bericht. Der beschreibt, wie eine Kompresse aus seinem Körper entfernt wurde. Ein winziges Stück Stoff, vergessen bei einer Herz-OP. Ein Stück Stoff, das Holtmanns Leben veränderte.
„Belassene Fremdkörper“ nennen Chirurgen es offiziell, wenn Tücher, Kompressen oder Instrumente nach einer OP in der Wunde vergessen werden. „Natürlich ist das für jeden Operateur ein Alptraum“, sagt Dietrich Löhlein, Chefarzt der Chirurgischen Klinik Dortmund. Denn die Gefahr für den Patienten ist groß – zumindest, wenn der Fremdkörper nicht schnell entdeckt wird. Bei Holtmann wurde die Kompresse zwar 2003 entfernt, dabei soll aber das Zwerchfell verletzt worden sein. Die Folge: ständig Wasser im Körper. Seither wird der 79-Jährige immer wieder punktiert. „Man hat mir gesagt, dass es keine operativen Möglichkeiten mehr gibt“, sagt Holtmann. Jetzt will er klagen.
Die Aussichten auf Erfolg in solchen Fällen sind nur schwer zu bewerten. Anwalt Heinz Bosbach von der Kölner Kanzlei Meinecke & Meinecke, die sich auf Medizinrecht spezialisiert hat, bleibt vage. „Es kommt drauf an, ob sie ein Gutachten bekommen“, sagt er. Sollte es, wie in Holtmanns Fall möglich, um einen Behandlungsfehler gehen, liegt „die Beweislast für das Abweichen von der ärztlichen Kunst beim Patienten“. Dafür brauche es eben einen Sachverständigen, einen Arzt. „Die haben aber Angst davor, so etwas könne ihnen auch passieren, und schlagen sich häufig auf die Seite der betroffenen Mediziner“, sagt Bosbach.
In den Kliniken ist man bestrebt, die Fehlerquote möglichst niedrig zu halten. Helfen soll dabei ein so genanntes Risikomanagement – bei der Zählkontrolle werden vor und nach einer OP Instrumente und Material gezählt. Trotzdem haben bei einer Umfrage unter OP-Pflegepersonal 64 Prozent der Befragten angegeben, eine Operation mit einem im Körper zurückgelassenen Fremdkörper erlebt zu haben. Die Gründe dafür sind vielfältig, vor allem Notfalloperationen sind betroffen. Der ungeplante Wechsel des OP-Verfahrens kann genauso zu Fehlern führen wie die Teilnahme mehrerer OP-Teams oder hoher Blutverlust. „Natürlich kann man sich auch einfach verzählen“, sagt Löhlein. „Irren ist menschlich.“
In den USA will man den menschlichen Faktor durch Technik ausgleichen. Instrumente und Tücher werden dort mit Chips markiert. „Am Ende einer OP lässt sich mit einem Scanner ablesen, ob noch Material in der Wunde verblieben ist“, sagt Klaus Schönleben, ehemaliger Chefarzt der Chirurgischen Klinik Ludwigshafen, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Genauso wie Patient Gerwin Holtmann. Der 79-Jährige, der früher Maschinen gebaut hat, denkt daran, selbst einen derartigen Chip zu entwickeln. Kontakte mit dem Fraunhofer-Institut hat er bereits aufgenommen. Holtmann möchte solche Fehler zu vermeiden helfen. „Ich verurteile nicht die Medizin, sondern die Gleichgültigkeit, die sich eingeschlichen hat.“
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