Demonstration vor 20 Jahren: Leipzig feiert friedliche Revolution
zuletzt aktualisiert: 09.10.2009 - 19:32Leipzig (RPO). Christian Führer hat sein neues Ziel fest im Blick. "Die Revolution muss weitergehen", sagt der ehemalige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche am Freitag in Leipzig. Die Wirtschaft sei jetzt an der Reihe, von Grund auf umgekrempelt zu werden - so wie damals der Sozialismus in der DDR. Führer war die zentrale Figur in Leipzig im Herbst 1989, er hat die DDR mit zum Sturz gebracht und gelernt, an Wunder zu glauben - er meint auch seinen Appell an die Wirtschaft ernst.
Beim Festakt am Freitag, auf den Tag genau 20 Jahre nach der entscheidenden Demonstration in Leipzig gegen das DDR-Regime, stehen im Gewandhaus die Akteure von damals im Mittelpunkt. "Revolutionäre erster Klasse" nennt Bundespräsident Horst Köhler die Leipziger Demonstranten von 1989. Und als solche gebe es keinerlei Anlass, sich heute als Bürger zweiter Klasse im wiedervereinten Deutschland zu fühlen. Die, die im Herbst 1989 ihre Gesundheit und ihr Leben auf den Straßen nicht nur in Leipzig eingesetzt hätten, seien auch heute Vorbilder als Demokraten.
Der einstige Bürgerrechtler Werner Schulz nutzt den Festakt für scharfe Appelle an die politische Führung in Deutschland. "Wir sind das Volk", sei die einprägsame Formel der Demonstranten 1989 gewesen, sagt Schulz, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und heute EU-Parlamentarier der Grünen. Dieser Satz gelte auch heute noch. "Wir waren nicht das Volk, sondern wir sind das Volk." Er vermisse eine angemessene politische Beteiligung der Menschen an der Politik. Bürgerentscheide auf Bundesebene gebe es immer noch nicht, kritisiert Schulz.
Das Volk hat am Abend in Leipzig die Gelegenheit, den Geist von 1989 zu erleben und zu beleben. So wie vor 20 Jahren Zahntausende über den Innenstadtring gezogen waren und die bewaffnete und verunsicherte Staatsmacht mit Kerzen in den Händen besiegten, so sollte auch an diesem Tag ein Lichtermeer die Innenstadt erleuchten. Doch die Illumination übernehmen diesmal internationale Künstler, die Kerzen, die die Menschen damals selbst mitbrachten, werden heute von Mitarbeitern der Stadt verteilt.
"Offen für alle" ist am Abend in Leipzig die Nikolaikirche, jener Ort, in deren Schutz die Revolution heranwachsen konnte. Zum Jubiläum ist die Kirche wieder so gut gefüllt wie sonst an Weihnachten. Wo vor 20 Jahren sich die Menschen mit Liedern Mut machten, singt heute ein Chor. Wo damals ein engagierter Pfarrer Führer den Menschen Zuversicht gab, spricht heute ein Landesbischof im Ruhestand über die Bergpredigt. Eben diese Worte aus der Bibel seien es gewesen, die ihm damals Ansporn gewesen seien, wird Führer nicht müde zu betonen. Und seien es heute noch. "Ihr seid das Salz der Erde", zitiert Führer aus der Bibel. "Mischen wir uns ein." Wie damals.
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