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Interview
Liebe Eltern, muss ich euch eigentlich pflegen?

Liebe Eltern, muss ich Euch eigentlich pflegen?
Wann habt Ihr Euch eigentlich das erste Mal alt gefühlt? Sebastian Dalkowski mit seinen Eltern Gertrud und Klaus. FOTO: Evers, Gottfried
Uedem. Wie ist das Leben, wenn man älter wird? Und kommt irgendwann unweigerlich die Angst vor dem Tod? Unser Autor hat mit seinen Eltern das erste Mal über Altenheime und Treppenlifte gesprochen. Von Sebastian Dalkowski

Als ich zum ersten Mal dachte, dass meine Eltern alt werden, waren sie noch ziemlich jung. Ich muss zwölf oder dreizehn gewesen sein, meine Eltern vierzig, als wir eine dieser vielen mehrtägigen Fahrradtouren unternahmen. An einem Tag ging es mehrere Kilometer am Stück bergauf. Am Gipfel wartete ich fast eine Stunde. Zu ihrer Verteidigung möchte ich sagen, dass sie den Großteil des Gepäcks transportierten.

Mittlerweile sind meine Eltern in ein Alter gekommen, das die Zuschreibung "alt" nicht mehr abwegig erscheinen lässt. Mein Vater ist 61 und seit ein paar Monaten Pensionär, nach 35 Jahren als Lokführer. Meine Mutter arbeitet auch mit 59 Jahren noch als Kindergärtnerin, auch wenn sie immer sagt, dass das "Erzieherin” heißt. Vor einem Jahr sind sie dank meines zwei Jahre jüngeren Bruders zum ersten Mal Großeltern geworden. Meist an den wichtigen Feiertagen des Jahres kommen wir alle in der niederrheinischen Heimat in einem Reihenhaus zusammen.

Es ist nicht so, dass wir uns nichts zu erzählen hätten, aber vielleicht haben wir gerade deshalb noch nie wirklich darüber gesprochen, wie sich meine Eltern das Leben im Alter vorstellen. Es wird Zeit, das zu ändern.

Wann habt ihr gemerkt, dass ihr alt werdet?

Gertrud Dalkowski Als ich mit der Technik Schwierigkeiten bekam. Meiner Mutter fiel es zum Beispiel zu Beginn schwer, mit der Bankkarte Geld zu holen, ich musste mich erst an Internet und Computer gewöhnen. Dein Bruder sagt häufiger: Mama, das ist doch ganz einfach, warum kannst du das nicht?

Klaus Dalkowski Die Gartenarbeit fällt mir immer schwerer. Wofür ich früher drei Tage gebraucht habe, brauche ich heute zwei Wochen. Ansonsten fühle ich mich noch nicht so alt, wie ich bin. Als mein Vater 50 wurde, habe ich gedacht: Was ist das für ein alter Mensch.

Wo zwickt es aktuell?

Gertrud Die Hüfte ein bisschen. Aber nur, wenn ich viel laufe. Nicht auf dem Fahrrad.

Klaus Den ersten Bandscheibenvorfall hatte ich ja schon vor 25 Jahren. Den Rücken spüre ich immer wieder.

Ist Älterwerden denn so schlimm, wie Ihr euch das vorgestellt habt?

Gertrud Bisher sind das noch Sachen, mit denen ich umgehen kann. Das Hörgerät beeinträchtigt mein Leben ja noch nicht so, dass ich es radikal ändern muss.

Klaus So wie jetzt könnte es bleiben. Nach der Pensionierung bin ich in kein tiefes Loch gefallen, deine Mutter hält mich auf Trab. Tu mal, mach mal, geh mal.

Gibt es Dinge, die im Alter sogar besser werden?

Gertrud In manchen Dingen bin ich gelassener. Wenn eine junge Kollegin von mir Liebeskummer hat, denke ich: Ja, das war eine schlimme Zeit, aber das Leben geht irgendwann weiter.

Klaus Der gelassene Typ war ich ja nie, und es gibt noch genug Kleinigkeiten, über die ich mich aufrege. Wenn ich an der Ampel stehe und der vor mir bei Grün nicht sofort losfährt.

Gertrud Oder wenn ich die Sachen noch länger in der Küche stehen lasse, du die Küche aber immer sauber haben möchtest.

Seit wann macht Ihr euch Gedanken, wie ihr im Alter leben wollt?

Gertrud Darüber haben wir eigentlich noch nie so richtig gesprochen. Klaus hatte schon eine Lebensversicherung abgeschlossen, ich habe erst jetzt eine zusätzliche Pflegeversicherung. Ich verdränge es ein bisschen, dass ich irgendwann gebrechlich werde. Aber wir achten schon darauf, dass es finanziell hinhaut.

Wie habt ihr vorgesorgt?

Klaus Wir haben ein eigenes Haus, aber keine private Rentenversicherung. Ob das später ausreicht, weiß kein Mensch. Aber wir fühlen uns einigermaßen abgesichert. Wir wissen ja auch nicht, ob wir in zehn Jahren noch mit dem Fahrrad Urlaub machen. Aber dann können wir immer noch auf Kreuzfahrt gehen.

Das machen jetzt auch junge Leute.

Klaus Die fahren auch E-Bike.

Ihr fahrt beide noch kein E-Bike. War das eine bewusste Entscheidung?

Gertrud Ich sehe Fahrradfahren als Ausdauersport. Das wäre es mit dem E-Bike nicht. Auch wenn die alten Leute mich mit dem E-Bike überholen. Viele Jüngere steigen nur um, weil es bequemer ist.

Habt ihr Angst vorm Leben im Alter?

Gertrud Ich möchte nicht als Pflegefall im Altersheim vor mich hinsiechen, und ab und zu kommen mal die Kinder vorbei. Wenn man gar nichts mehr kann und alles für einen gemacht werden muss, finde ich das erniedrigend.

Klaus Man muss ja noch nicht mal dement sein. Vor alten Leuten hat man in Deutschland keinen Respekt.

Also ist Altersheim eure Horrorvorstellung?

Gertrud Das geht Euch ja auch so. Mit deinem Bruder war ich mal im Altenheim, um jemanden zu besuchen. Da sagte er: So will ich euch aber nicht besuchen kommen. Da könnt ihr besser mit 80 bei einem Verkehrsunfall umkommen, als im Altenheim zu liegen.

Das hat er gesagt?

Klaus Der hat den Humor von seinem Vater.

Es gibt ja auch gute Altenheime.

Gertrud Wenn ich das aussuchen kann. Aber wenn ich plötzlich ins Krankenhaus komme und von dort direkt ins Altersheim, würde mir das schwerfallen. Das würde ich schon gerne länger planen. Oder aber eine Pflegekraft im eigenen Haus. Ich will so lange wie möglich zuhause wohnen und erwarte nicht, dass meine Kinder mich aufnehmen. Das belastet junge Menschen doch sehr.

Was erwartet ihr denn von meinem Bruder und mir?

Gertrud Ich erwarte gar nichts, auch wenn ich mich selbst um meine Mutter gekümmert habe, und freue mich über alles, was sich ergibt. Ich möchte aber gerne, dass wir die Sache mit der Vormundschaft regeln. Sonst bekommen wir einen bestellten Betreuer vom Amt und ihr dürftet nichts entscheiden.

Klaus Ich erwarte auch nicht, dass ihr mich pflegt. Pflege ist ein Beruf.

Gertrud Schenkt mir lieber keine Blumen, sondern Zeit. Meine Mutter ist ja auch immer sonntags zum Essen zu uns gekommen, und wir haben was unternommen. Dazu hatte ich auch nicht jedes Mal Lust, aber es wäre traurig, wenn ihr das jedes Mal denken würdet.

Was kommt denn auf meinen Bruder und mich finanziell zu?

Gertrud Schlimmstenfalls kommen wir ins Altenheim, wir müssten unser Haus verkaufen und wenn das Geld weg wäre, müsstet ihr einen Teil der Kosten tragen. Je nachdem, wie viel ihr verdient. Aber selbst im Altenheim ist nicht alles abgedeckt. Den Fahrdienst zum Arzt muss man selbst zahlen. Oder einer von Euch fährt uns.

Klaus Wir werden euch nicht in den finanziellen Ruin treiben.

Würdet ihr euch wohler fühlen, wenn einer von uns in der Nähe wohnt?

Gertrud Auf jeden Fall.

Klaus Aber wenn unsere Kinder 700 Kilometer wegziehen, um Karriere zu machen, dann ist das eben so.

Gertrud Aber der, der weiter weg wohnt, wird in den Himmel gelobt, wenn er mal da ist. Im Gegensatz zu dem, der in der Nähe wohnt und sich häufiger kümmert. Nur, dass ihr das schon mal wisst.

Warum verkauft ihr das Haus eigentlich nicht?

Klaus Jetzt doch noch nicht.

Gertrud Es gibt hier auch nicht so viele ebenerdige Wohnungen in Uedem.

Kann man hier einen Treppenlift einbauen?

Klaus Das geht. Und durch die Türen kommt man mit einem normalen Rollstuhl auch.

Gertrud Wir machen lieber weitere Umbauten, bevor wir das Haus verlassen.

Hängt ihr eigentlich an dem Haus?

Gertrud Ich hänge an meiner Unabhängigkeit.

Klaus Und an meinem Umfeld.

Es kann auch passieren, dass sich der eine um den anderen kümmern muss.

Gertrud Ich nenne ihn manchmal schon scherzhaft alter Mann.

Klaus Ich bin ja auch nicht ganz so unternehmungslustig.

Gertrud Aber ein alter Mensch kann sich wirklich nicht um seinen dementen Partner kümmern.

Ist Demenz der größte Horror?

Gertrud Demenz bekommt man immerhin nicht mehr selbst mit, Schlaganfall wäre noch schlimmer. Da zu liegen und nichts mehr machen zu können. Aber vielleicht kann man sich da trotzdem noch über Dinge freuen. Das weiß ich ja nicht.

Gibt es noch unerfüllte Träume?

Gertrud Ich will einfach nur noch viel zusammen mit Klaus machen und lange fit bleiben, um mein Enkelkind aufwachsen zu sehen.

Klaus Ich habe mir meine beiden Träume erfüllt. Ich wollte Lokführer werden und mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren. Okay, Grönland oder Alaska wären noch schön.

Denkt ihr mit 60 auch schon ab und zu über den Tod nach?

Gertrud Ich versuche, dankbar zu sein. Nicht sagen, dass ich alt bin, sondern dass ich schon 60 Jahre leben durfte.

Klaus Wenn ich die Todesanzeigen in der Zeitung sehe, merke ich schon, dass die Einschläge näher kommen. Und bei jeder Fußballweltmeisterschaft denke ich: Ob ich die nächste wohl noch erlebe?

Gertrud Ich hoffe ja immer noch, dass nach dem Tod irgendwas kommt, besonders für die Menschen, die es in ihrem Leben nicht so gut hatten.

Sprecht ihr häufiger über den Tod?

Gertrud Ja, besonders, wie wir beerdigt werden wollen.

Du wolltest immer in einem bestimmten Kleid beerdigt werden, oder?

Gertrud Mein Wunsch war ein blauer Sarg. Aber ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die, die mich beerdigen müssen, das so machen sollen, dass es für sie umsetzbar ist. Wenn ich sage, ich möchte in Uedem ein normales Grab haben, und ihr müsstet 25 Jahre die Grabpflege bezahlen – das wäre viel zu teuer. Dann könnt ihr auch ein Urnengrab nehmen.

Wir sollen entscheiden, ob du verbrannt wirst?

Gertrud Weil ihr die Folgen tragen müsst. Wichtig ist nur, dass es einen gescheiten Beerdigungskaffee gibt. Ich habe ja die Leute immer gerne bewirtet.

Aber du wolltest doch auch ein bestimmtes Kleid haben.

Gertrud Ein rotes. Aber wenn ich verbrannt werde, ist das egal.

Willst du nicht vorher wissen, wo du zu liegen kommst?

Gertrud Sagt mir einfach nicht, wie ihr euch entscheidet.

Klaus Ich habe nur eine Bedingung: Kein Pfarrer am Grab.

Hier lesen Sie, was eine RP-Reporterin erlebte, als sie zwei Wochen lang als Praktikantin in einem Pflegeheim arbeitete

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