Die Ehefrau des Altkanzlers wird 90 Jahre alt: Loki Schmidt, die Unbeugsame
VON MARTIN BEWERUNGE - zuletzt aktualisiert: 03.03.2009 - 07:12Hamburg (RP). Die Ehefrau von Altkanzler Helmut Schmidt wird heute 90 Jahre alt. Dem Selbstbewusstsein und der Eigenständigkeit der engagierten Botanikerin ist es zu verdanken, dass das Paar heute Kultstatus genießt.
"Pitcairnia Loki-Schmidtii nov. spec." ist ein Ananasgewächs, das irgendwo in Mexiko gedeiht und der Fachwelt bis weit ins 20. Jahrhundert unbekannt war. Seine Entdeckerin und Namensgeberin, die auf diesen Fund bis heute besonders stolz ist, hat einen klaren Blick für Schönheit im Verborgenen. Ihr Verdienst ist es auch, dass die "Nickende Distel" (carduus nutans) seit 2008 nicht länger als Unkraut gilt, sondern als schützenswerte "Blume des Jahres" Beachtung fand.
Doch Loki Schmidt, Deutschlands bekanntester Botanik-Fan, lässt sich nicht auf das Format einer "Blümchen-Freundin" reduzieren. Vor über drei Jahrzehnten, auf einem Spaziergang im deutschen Herbst an der Seite ihres Mannes, schwor sie ihm, dem Kanzler der Bundesrepublik, sich im Falle einer Entführung durch Terroristen der RAF niemals freipressen zu lassen.
Auch das ist Loki Schmidt, eine Unbeugsame, tief in der Realität und ihren Notwendigkeiten Wurzelnde. Keine, die sich aus dem mächtigen Schatten Helmut Schmidts herausmühen musste, mit dem sie seit 66 Jahren verheiratet ist, sondern eine ihm an Nüchternheit und Schnörkellosigkeit Ebenbürtige, von Anfang an. Nicht erst jetzt, mit 90, sieht sie sich "im Greisenalter" angekommen, in dem die Angst wächst, dass man fallen könnte, die Vergesslichkeit zunimmt und die Konzentrationsfähigkeit ab. Aber: "Ich will mich ja nicht beklagen."
Nie hat sie lamentiert. Nicht, als das von ihr angestrebte Biologiestudium an unbezahlbaren Gebühren scheitert. Nicht, als sie "nur" Volksschullehrerin werden kann und erst einmal das Studium ihres Mannes mitfinanzieren muss. Nicht, als ihr Sohn Helmut Walter, liebevoll "Moritzelchen" genannt, in den letzten Kriegsmonaten, noch vor seinem ersten Geburtstag, an Gehirnhautentzündung stirbt, während Helmut Schmidt als Soldat an der Westfront ist. Deshalb kann Loki Schmidt es sich auch leisten, Sätze zu sagen wie diese: "Ich kann dieses neue Getue über Frauen und Berufstätigkeit nicht verstehen. Für uns war es völlig normal, berufstätig zu sein."
Selbstdisziplin legt sie als Fundament für ihre Ehe und ihr Familienleben, und noch im Affekt handelt sie überlegt: "Wir hatten nur einen einzigen richtigen Streit, dessen Ursache wir kurioserweise beide vergessen haben. Da habe ich einen Waschlappen nach Helmut geworfen. Es war vor der Währungsreform, ich konnte mir nicht leisten, etwas Festes zu schmeißen, das hätte zerbrechen können." Schon immer selbstbewusst ging die prominente Pflanzenfreundin mit ihrer Schwäche für Tabakpflanzen um, einer Leidenschaft, die sie seit Jahrzehnten mit ihrem Mann innig teilt: Aufhören? "Sogar die Ärzte raten ab", meint Loki Schmidt. Zuviel Entwöhnungsstress für den Körper in diesem Alter.
Es ist nicht zuletzt ihre Bescheidenheit, die der Reihenhausbewohnerin gigantische Sympathiewerte in der Bevölkerung beschert, und es ist ihre neben dem Altkanzler glaubwürdig wirkende Unabhängigkeit, die dem Paar mit zu seinem Kult-Status verhalf. Man spürt: Helmut Schmidt respektiert seine Frau nicht aus Gewohnheit. "Ich möchte, dass wir beide gemeinsam davongehen", meinte Loki Schmidt kürzlich im Gespräch mit ihm. "Das hast du nicht zu entscheiden. Und ich auch nicht", entgegnete Helmut Schmidt. Dann aber ließ er ihr das letzte Wort, als sie erwiderte: "Und das ist auch gut so."
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