Ökumenischer Kirchentag: Margot Käßmann kehrt zurück
VON LOTHAR SCHRÖDER UND FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 12.05.2010 - 07:45(RP). Vor der offiziellen Eröffnung des Ökumenischen Kirchentags in München wird Margot Käßmann ihr neues Buch vorstellen: "Das große Du" ist eine Meditation über das Vaterunser. Die Präsentation ist nur einer von vielen Auftritten der Landesbischöfin a.D. in München.
Vielleicht wird man später einmal sagen, der 2. Ökumenische Kirchentag habe in einer Münchener Buchhandlung begonnen. Im zweiten Stock des Lese-Supermarkts Hugendubel am Marienplatz, mitten in der Stadt, wird Margot Käßmann heute am frühen Nachmittag an einem Büchertisch sitzen, und in die Blitzlichter der Kameras wird sie ein schmales Bändchen halten, 128 Seiten stark, das ganz in evangelischem Violett gehalten ist. "Das große Du" wird daraufstehen, eine theologische Betrachtung des Vaterunsers wird es sein.
Dabei dürfte es eng werden, allerdings nicht intim. Denn die Rückkehr der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland und hannoverschen Landesbischöfin a.D. ins Rampenlicht ist das Comeback des Jahres. Käßmann hat sich konsequent rar gemacht seit ihrem Rücktritt Ende Februar wegen einer Alkoholfahrt mit 1,54 Promille durch die Innenstadt von Hannover, sie hat seither keine Interviews gegeben.
Der Kirchentag
Idee: Der 2. Ökumenische Kirchentag ist der Nachfolger der Premiere in Berlin 2003.
Organisatoren: Zentralkomitee der deutschen Katholiken und Deutscher Evangelischer Kirchentag
Publikum: Rund 110.000 Dauerbesucher; außerdem Tagesgäste
Veranstaltungen: etwa 300
Karten: Dauerkarten kosten 89, Tageskarten 28, Abendkarten (ab 16 Uhr) 14 Euro
Den Weg zurück in die Öffentlichkeit beschreitet sie nun mit diesem Buch. Allerdings findet sich darin nichts, was sich auf die Lebensgeschichte der Autorin beziehen ließe – auch nicht zwischen den Zeilen. "Das große Du" ist für Voyeuristen also denkbar ungeeignet.
Tatsächlich passt das Buch – der zweite von fünf Käßmann-Bänden aus der Reihe "Einfach Evangelisch" – ganz gut zum Kirchentag. Wie Texte zur Bibelarbeit muten die Meditationen über das Vaterunser an: mit Käßmanns Staunen darüber, "dass wir unseren Gott sozusagen duzen dürfen" und dass Beten "ein Gesprächsfaden mit Gott ist".
Es finden sich jede Menge Sätze, die das Zeug zum Aphorismus haben. Käßmann findet immer wieder Worte, die erinnerlich bleiben, auch wenn sich selten ein neuer, ungewöhnlicher Gedanke dahinter verbirgt. Das Buch ist nicht als Debattenbeitrag gedacht, sondern zielt auf möglichst umfassendes Einverständnis. Wie auch das "Amen", das alle mit einschließt und das selbst als Gebetsschluss kein Ende meint und darum auch nicht zu vergleichen sei mit dem "wohlbekannten Basta in der Politik". Das hat einst Bundeskanzler Gerhard Schröder gesprochen, der wie die Landesbischöfin a. D. in Hannover seinen Wohnsitz hat.
"Das große Du" trägt den Ton eines Kirchentags, und Käßmanns Breitenwirkung ist im deutschen Protestantismus immer noch unerreicht; dennoch ist ihr Auftritt nicht die offizielle Auftaktveranstaltung des 2. Ökumenischen Kirchentags, zu dem von heute bis Sonntag rund 110 000 Dauergäste nach München kommen werden – das sind vielmehr die drei großen Eröffnungsgottesdienste auf drei verschiedenen Plätzen der Stadt.
Margot Käßmann wird trotzdem einer der wenigen Stars des Kirchentags sein. Das Programm führt ihren Namen bei elf Veranstaltungen auf. Eigentlich sollte ihr erster Auftritt die Bibelarbeit am Himmelfahrtsmorgen sein. Reserviert ist die Messehalle C 1, 10 000 Quadratmeter groß. Erst vergangene Woche wurde dann bekannt, dass "Das große Du" schon einen Tag zuvor der Öffentlichkeit präsentiert wird. Dieser Zeitpunkt ist die denkbar beste Gelegenheit für eine Rückkehr ins Rampenlicht, noch dazu mit einem echt ökumenischen Thema: dem Vaterunser, dessen Text für Protestanten und Katholiken Wort für Wort derselbe ist und das Käßmann sehr wohl auch protestantisch zu deuten weiß, indem sie betont, dass gute Werke keine Ablassleistungen brauchen.
Zweieinhalb Stunden nach Käßmanns Auftritt beginnt unten auf dem Marienplatz einer der Eröffnungsgottesdienste des Kirchentags. Teilnehmen wird daran auch die Präses des evangelischen Kirchenparlaments, Katrin Göring-Eckardt, die bis zum Februar mit Käßmann die weibliche Doppelspitze der Evangelischen Kirche in Deutschland bildete.
Die frohe Botschaft beim Eröffnungsgottesdienst kommt frei Haus. Margot Käßmanns neues Buch kostet 12,90 Euro.
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