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Eindrücke vom Evangelischen Kirchentag
Margot Käßmann sucht die Nervensägen
Eindrücke vom Evangelischen Kirchentag: Margot Käßmann sucht die Nervensägen
Margot Käßmann bekam bei ihrem Auftritt beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg viel Applaus. FOTO: dpa, chc fdt
Hamburg . Heute schon genervt? Margot Käßmann erklärt das Lästigsein zur Christenpflicht und wird dafür gefeiert. Der Bundespräsident dagegen kommt beim anstrengenden Markus Lanz deutlich zu kurz. Eindrücke vom Evangelischen Kirchentag. Von Frank Vollmer

Eine Stadt macht blau – wer dieser Tage in Hamburg ist, kann sich diesem Eindruck schwer verschließen. Unter einem leicht bewölkten Himmel dominiert das kräftige Blau der Flaggen, Plakate und Schals des Evangelischen Kirchentags, der noch bis Sonntag das Straßenbild in Deutschlands zweitgrößter Stadt prägen wird. Rund 117.000 Dauergäste haben sich angemeldet; zur Eröffnung am Mittwochabend sollen 350.000 Menschen in der Innenstadt zwischen Alster und Speicherstadt unterwegs gewesen sein.

Der äußere Eindruck des Kirchentags ist eine Mischung aus Pfarrfest, Kurzurlaub und Parteitag – in den Messehallen folgen Tausende den Debatten über politische, soziale und wirtschaftliche Themen, aber ebenso viele genießen auch die Sonne am Jungfernstieg; manche, meist sind es Grüppchen der vielen Jugendlichen, ziehen auch mit Pappkrönchen durch die Stadt (Aufschrift: "Bei Gott bin ich König").

Herausgestochen aus diesem großen frommen Happening, nicht nur wegen ihrer grasgrünen Jacke, ist wieder einmal Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und jetzige "Luther-Botschafterin" der EKD für das 500. Reformationsjubiläum 2017. Käßmann gehört zum Inventar des Kirchentags, war sogar einmal seine Generalsekretärin; mit ihrem resoluten Rücktritt wegen einer Alkoholfahrt 2010 ist sie so etwas wie eine Ikone des deutschen Protestantismus geworden, zu der die Massen strömen.

So auch gestern in Hamburg. 7000 Menschen waren in die Messehalle B5 gekommen, um Käßmanns Bibelarbeit zu einem Text aus dem Lukas-Evangelium zu hören. Was sie bekamen, war Käßmann pur – ordentlich Medienschelte ("einschläferende Ablenkungsindustrie"), ein bisschen Koketterie ("Lukas erzählt von einer Frau, die nervt – das kann ja interessant werden") und reichlich Streitlust.

Mittlerer Tumult brach aus, als die Nachricht von der Bühne kam, es könnten leider keine Bilder der Rednerin auf die große Leinwand in der Mitte der Halle projiziert werden. Und umso größer waren die Begeisterungsstürme, als die Regie das dann wenige Minuten später doch noch fertigbrachte. Fast jedem Absatz in Käßmanns Rede wurde begeistert applaudiert – hier begegnen Fans ihrem Idol. Käßmann weiß auch sehr genau, für welche Sätze sie Beifall erwarten kann.

Es ging hier zweifellos in erster Linie um Margot Käßmann. Worum es auch ging, war das Gleichnis von der Witwe, die so hartnäckig bei einem Richter auf ihr Recht pocht, dass der ihrer Forderung am Ende eher zermürbt als einsichtig nachgibt. Jesus fordert seine Jünger auf, sich an der Frau ein Beispiel zu nehmen, "dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten". Käßmann zog daraus den Schluss: "Frauen können echt nerven. Manchmal müssen Frauen nerven, und das ist dann gut so." Sie beklagte die Behandlung der Flüchtlinge in Deutschland, die Ausbeutung der Textilarbeiter in Bangladesch, die Zustände im US-Gefangenenlager Guantánamo. "Nervensägen" müssten die Kirchen sein, sagte Käßmann, denn: "Die perfekte Welt werden wir nicht schaffen. Aber uns abfinden mit der Welt, wie wir sie finden, das werden wir nicht." Am Ende klatschte man ihr auch dieses Mal stehend Beifall.

Nervensäge sein – das wollte Joachim Gauck wohl nicht. Der Bundespräsident hätte auch kaum Gelegenheit dazu gehabt in der Diskussion zum Thema "Eine starke Gesellschaft. Was braucht sie? Wie sieht sie aus?" - denn der Moderator hieß Markus Lanz. Von dem musste er sich die Freundlichkeit anhören, er leide ja wohl auch unter der "Krankheit" der evangelischen Pastoren, lieber zu viel als zu wenig zu sagen, was zu der pikierten Replik Gaucks führte, dann werde er sich jetzt eben kurz fassen. Lanz machte den Kirchentag über weite Strecken zur Kopie seiner eigenen Talkshow (Zitat Gauck: "Wir könnten eigentlich gehen, oder?"). Die aus der Anhäufung von Anekdoten zwangsläufig resultierende Konfusion bekam er nicht in den Griff.

Umso beklagenswerter war das, als Lanz neben Gauck eine ganze Reihe hochinteressanter Gäste auf dem Podium hatte. Da war der Bonner Pastor und Paralympics-Sieger im Tischtennis, Rainer Schmidt, der ohne Unterarme und mit einem verkürzten Bein auf die Welt gekommen ist. Da war Monika Labruier aus Köln, die Behinderte in "normale" Beschäftigung vermittelt. Und da war Samuel Koch, der seit seinem Unfall bei "Wetten, dass..?"2010 im Rollstuhl sitzt.

Lanz gelang es nicht, aus ihren wertvollen Bemerkungen ein Ganzes zu machen, das die Frage beantwortet hätte, unter der dieser Vormittag stand. Sein Auftritt erinnerte manchen Zuhörer stattdessen unfreiwillig an Käßmanns Nervensägen – die Luther-Botschafterin war kurz zuvor in derselben Halle aufgetreten, und ein Großteil des Publikums war einfach sitzengeblieben.

Käßmanns Hang zu Utopien, das immerhin wurde an diesem Vormittag deutlich, ist Gaucks Sache nicht. Der Bundespräsident lobte stattdessen die Deutschen für ihr gewachsenes "Bewusstsein für die Gleichwertigkeit der Unterschiedlichen". Darauf könne das Land stolz sein. Und er empfahl die Behinderten als Vorbilder, etwa für Langzeitarbeitslose: "Wenn wir uns nichts mehr abfordern, tun wir uns nichts Gutes." Die Gesellschaft müsse lernen, "an uns selber Erwartungen zu richten". Deutschland stehe im Umgang mit den Behinderten jetzt "an der Schwelle, wo wir aus der Versuchsphase heraustreten".

Es muss also im Sinne Gaucks kein schlechtes Zeichen sein, dass sich die Veranstaltung zu Beginn erfolgreich in Richtung Kabarett neigte. Da fragte Lanz den gelähmten Koch und den unterarmlosen Schmidt, wie sie sich denn hinter der Bühne begrüßt hätten. Das sei "recht unorthodox ausgefallen", antwortete Koch: "Wir haben so komisch gekuschelt, glaub' ich." Witze von Behinderten über ihre Behinderung? Das Publikum jedenfalls lachte schallend. Ganz selbstverständlich. War ja auch komisch.
 

Quelle: csi
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