"Hansa Stavanger": Marine findet Folter-Beweise auf deutschem Frachter
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 05.08.2009 - 07:32Mombasa (RP). Die 122 Tage Todesangst in der Geiselhaft somalischer Piraten hat die 24-köpfige Besatzung des Hamburger Containerfrachters "Hansa Stavanger" offenbar körperlich unverletzt überstanden. Das teilte gestern die Deutsche Marine mit, die nach der Freilassung Ärzte und Sanitäter an Bord schickte: "Es gibt keine Verletzten und keine medizinische Notlage."
Welche psychischen Schäden die Seeleute davongetragen haben, ist dagegen noch nicht bekannt: "An Bord befinden sich größere Mengen Patronenhülsen und Blindgänger", teilte die Marine weiter mit. Die Seeräuber hatten die Besatzungsmitglieder, darunter fünf Deutsche, unter anderem durch Scheinhinrichtungen bedroht – mit verbundenen Augen mussten sich die Geiseln niederknien, die Piraten schossen dann in die Schiffswände oder über ihre Köpfe. Feldjäger der Bundeswehr sichern zurzeit diese Beweise für die Polizei, um sie später für eine Strafverfolgung nutzen zu können.
Die Zahl der weltweiten Piratenüberfälle hat sich in der ersten Hälfte dieses Jahres mit mehr als 140 im Vergleich zu 2008 mehr als verdoppelt. Der Schwerpunkt liegt weiter vor Somalia und dem Jemen. In den letzten Tagen meldete die Internationale Handelskammer aber auch die Entführung eines Massengutfrachters vor Oman, drei Überfälle auf Frachter in der Südchinesischen See und weitere Angriffe vor Malaysia und Costa Rica.
Nicht immer gehen die Entführungen glimpflich aus: Elf Seeleute wurden 2008 von Seeräubern erschossen, 21 weitere werden bis heute vermisst und sind vermutlich ebenfalls tot. Häufig stehen die Entführer unter Drogen und werden immer nervöser, wenn die Lösegeldverhandlungen länger dauern – wie im Fall der "Hansa Stavanger".
Eine Woche lang waren 20 der 24 Seeleute sogar an Land versteckt worden, weil die Piraten eine gewaltsame Befreiung fürchteten. Tatsächlich hatte die Polizei-Spezialtruppe GSG 9 einen Zugriff geplant, der aber wegen Kompetenzstreitigkeiten der beteiligten Ministerien kurzfristig abgesagt wurde.
Im Juli hatte der Kapitän, wahrscheinlich auf Druck der Entführer, via E-Mail verzweifelt über die hoffnungslose Lage an Bord berichtet: Trinkwasser und Lebensmittel seien zur Neige gegangen, einige Besatzungsmitglieder erkrankt.
Der Frachter, begleitet von den Fregatten "Brandenburg" und "Rheinland-Pfalz", ist nun auf dem Weg nach Mombasa in Kenia. Zusätzlich sind bewaffnete Soldaten an Bord. Ein Sprecher der Reederei sagte gestern, die Seeleute könnten sich dort in einem Hotel von den Strapazen erholen oder, falls gewünscht, direkt in ihre Heimatländer weiterfliegen. Sollten sie psychologische Betreuung brauchen, werde die Reederei dies vermitteln.
Die "Hansa Stavanger" trifft voraussichtlich morgen oder am Freitag in Mombasa ein – durch die lange Liegezeit in Somalia habe sich "erheblicher Bewuchs am Unterboden" aus Muscheln und Algen gebildet, der das 170 Meter lange Schiff erheblich abbremse.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum





