"Entartete Kultur": Meisner bedauert Missverständnis
zuletzt aktualisiert: 18.09.2007 - 16:25Frankfurt/Main (RPO). Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat die Aufregung um seine Äußerung über "entartete Kultur" als Missverständnis bezeichnet und bedauert. In einem Zeitungsbeitrag erklärte Meisner, er habe in seiner Rede gegen alle Formen totalitärer Kulturen gesprochen und den Begriff der "Entartung" gebraucht, "um sie mit ihrem eigenen Vokabular zu kennzeichnen und zu entlarven".
In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erläuterte Meisner nun, durch die Menschwerdung Gottes werde jeder Mensch vom Glanz Gottes berührt und geprägt. Deshalb sei es eine große "Pervertierung" des Menschen, "wenn er diese Identifikation auf Gott hin vergisst und dadurch zum Ohne-Gott oder gar zum Antigott wird, wie wir es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa in grausamster Weise erleben mussten". Kultus und Kultur - im Sinne von Gottesverehrung und Gesellschaft - nähmen Schaden, wenn Gott nicht mehr in der Mitte stehe, erklärte Meisner.
Die entsprechende Passage seiner Predigt habe "in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben". Für die Substanz seiner Aussage wäre der "von den Nationalsozialisten missbrauchte Begriff der 'Entartung'" nicht notwendig gewesen, betonte der Kardinal in seinem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
Meisner hatte in einer Predigt zur Eröffnung des neuen Diözesanmuseums Kolumba gesagt: "Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte."
Das hatte eine Welle heftiger Proteste ausgelöst. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, bezeichnete den Kardinal als "notorischen geistigen Brandstifter". Der Kardinal missbrauche Sprache gezielt als Tabubrecher. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) rügte Meisners Äußerung als vom Inhalt, aber auch von der Sprache her völlig inakzeptabel. FDP-Chef Guido Westerwelle wertete die Äußerungen Meisners als "intolerant, ignorant und für einen so bedeutenden Kirchenmann unwürdig."
Als "Entartete Kunst" wurden in der Nazizeit alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen diffamiert, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht im Einklang standen. Dies betraf unter anderem Werke von Expressionisten. Anfang 2005 hatte Meisner für Empörung gesorgt, als er Abtreibung mit den Verbrechen von Hitler und Stalin verglich.
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