Nach Predigt im Kölner Dom: Meisner verteidigt umstrittene Wortwahl
zuletzt aktualisiert: 15.09.2007 - 12:49Köln (RPO). Mit seinen Äußerungen über "entartete" Kultur hat der Kölner Erzbischof Joachim Meisner für Empörung gesorgt. Doch der Kardinal kann keinen Fehler erkennen. Im Domradio verteidigte er seine Wortwahl, die Kritiker an den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten erinnert.
"Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen, wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden. Das war die schlichte Aussage dieser Passage", sagte Meisner im Domradio.
Der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano kritisierte die Äußerungen Meisners zum Verhältnis von Kunst und Religion. Zugleich wandte sich der Autor am Samstag auf WDR2 gegen die Vermutung, dass Meisner eine Brücke zu nationalsozialistischem Denken habe schlagen wollen.
Es zeuge von mangelndem Geschichtsbewusstsein und wenig Sensibilität, wenn der Erzbischof den durch die Nazis geprägten Begriff "entartet" verwende, sagte Giordano. Er persönlich könne sich noch an die Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 in München erinnern, so der jüdische Publizist, dessen Familie von den Nazis verfolgt wurde.
Wenn er tief in sich hineinhöre, glaube er allerdings nicht, dass Meisner mit dem Ausdruck bewusst eine Brücke zur NS-Ideologie habe schlagen wollen. Der Schriftsteller bewertete die kritischen Reaktionen auf Meisners Worte positiv. Sie zeugten davon, dass die Gesellschaft mit dem Thema sensibel umgehe.
"Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend und zeigt, dass er keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat", sagte der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff dem "Kölner Stadt-Anzeiger".
Der CDU-Politiker wies darauf hin, dass der Begriff "entartete Kunst" für eines der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte und einen katastrophalen Umgang mit Kunst und Kultur stehe. Bereits Meisners Äußerungen zu einem neuen Fenster im Kölner Dom hätten bewiesen, dass es wenig Sinn mache, mit ihm über Kunst zu diskutieren. "Und das sage ich nicht nur als Kulturstaatssekretär, sondern auch als Katholik."
Meisner hatte die Predigt am Freitag im Rahmen der Eröffnung des Kunstmuseums Kolumba des Erzbistums Köln gehalten. Er sagte dabei: "Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte."
Auch der ehemalige Landeskulturminister Michael Vesper zeigte sich erschrocken darüber, dass der Begriff "entartet" noch verwendet werde. "Ich dachte, dass das in Deutschland Geschichte sei", sagte er dem Kölner "Express". Kunst sei frei und dürfe von niemandem vereinnahmt werden. "Wer wie Kardinal Meisner bereit ist, Kunst, die nicht in die eigene Denkschublade passt, auszusortieren, sie an den Pranger zu stellen, der schürt ein gefährliches Feuer."
Ähnlich äußerte sich der Kölner CDU-Kulturpolitiker Lothar Theodor Lemper: Der Begriff "entartet" sollte im Sprachgebrauch tabu sein. "Zudem erwächst Kultur nicht nur aus Gottesverehrung. Den Absolutismus, den Kardinal Meisner hier predigt, halte ich für falsch und unangebracht", sagte Lemper dem "Express".
Als "Entartete Kunst" galten in der Nazizeit alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht im Einklang standen. Dies betraf unter anderem Werke von Expressionisten. 1937 wurde in München die Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet. Sie zeigte 650 beschlagnahmte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen.
Der Neubau des Kolumba-Museums wurde im Jahr 2003 auf dem Gelände der Kirchenruine von St. Kolumba in der Kölner Innenstadt begonnen. Ab (dem heutigen) Samstag sollte das Haus der Öffentlichkeit zugänglich sein. Der Bau wurde vom Schweizer Architekten Peter Zumthor entworfen.
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