Was Frauen in den Amoklauf treibt: Meist aus einer psychischen Notlage heraus
zuletzt aktualisiert: 20.09.2010 - 16:29Berlin (RPO). Nach dem Amoklauf von Lörrach ist das Entsetzen groß. Auch, weil eine Frau es war, die mit einer Sportwaffe drei Menschen getötet hatte. Die Ermittler suchen das Motiv der 41-jährigen Rechtsanwältin im Zerbrechen der Familie. Das wiederum ist nach Einschätzung einer Psychologin typisch.
Die Psychologin Justine Glaz-Ocik sagte am Montag der Nachrichtenagentur dapd, wenn Frauen gewalttätig würden, seien die Motive überwiegend in den privaten Beziehungen zu suchen. Sie ist Expertin für Kriminalpsychologie am Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt und forscht im Bereich Stalking und schwere Gewaltdelikte. Zudem ist sie an der Entwicklung einer Software zur Risikoeinschätzung bei Partnergewalt und Stalking beteiligt.
Ein massiver Gewaltausbruch bei Frauen kann nach ihrer Einschätzung vor allem aus drei psychischen Notlagen entstehen:
- In einer Depression wird eine belastende Situation als völlig aussichtlos empfunden, und die Tat erscheint dem Erkrankten als einziger Ausweg. Wenn Partner und Kind mit in den Tod genommen werden, sprechen Juristen von einem erweiterten Suizid; Fachbegriff in der Forschung ist "Familizid". Das Motiv sei bei Männern und Frauen gleich, sagt Glaz-Ocik. In erster Linie sei es die Sorge des zum Suizid Entschlossenen, was danach mit ihrem Kind oder ihren Kindern passieren würde. "Es ist eine Tat aus Liebe", so die Psychologin.
- Im Fall einer massiven Kränkung kann sich ungeheure Wut anstauen und in einem Rache-Akt entladen. Glaz-Ocik erklärte, dieser könne die Personen im engsten Umfeld treffen, aber auch das weitere soziale Umfeld oder sogar die ganze Gesellschaft, die von der Täterin für einen Missstand verantwortlich gemacht wird.
- Drittens könnte eine Psychose wie zum Beispiel ein paranoider Wahn vorliegen. Die Erkrankten glauben, dass sie selbst und ihre Angehörige von anderen bedroht werden - durch bestimmte einzelne Personen oder auch eine ganze gesellschaftliche Gruppe wie "die Politiker". Versuche, ihnen klarzumachen, dass dies nur in ihrer Vorstellung existiert, scheitern, wie die Psychologin berichtete. "Für sie ist es unumstößliche Realität." Vor einer Tat gebe es Warnsignale wie zum Beispiel die Äußerung "Ich hab' nichts mehr zu verlieren".
Ein spektakulärer Fall geschah im Dezember 2007: Eine Frau betäubte und erstickte ihre fünf Söhne im Alter von drei bis neun Jahren im schleswig-holsteinischen Darry. Sie lebte in Wahnvorstellungen, dass sie und ihre Kinder von bösen Mächten aus dem Jenseits bedroht würden. Sie nahm nicht vorhandene Berührungen und Bilder wahr und hörte Stimmen aus dem Jenseits. Eine "Natalie" drohte, ihren Kindern etwas anzutun.
Die Tötung der Kinder sei für sie als Schutzmaßnahme "konsequent und notwendig gewesen", sagte der Gutachter im Prozess vor dem Landgericht Kiel. Weil die Frau nicht in der Lage war, "das Unrecht ihres Tuns zu erkennen", wurde sie als schuldunfähig eingestuft und auf unbestimmte Dauer in die Psychiatrie eingewiesen.
"Frauen sind seltener gewalttätig als Männer", sagt die Psychologin Glaz-Ocik. "Wenn es dazu kommt, sind sie genauso aggressiv oder gewalttätig." In der Forschung sei das Feld "Gewalt gegen Kinder und Intimpartner" gut untersucht. Die Kriminalitätsexpertin arbeitet nach eigenen Angaben derzeit daran, zu analysieren, wie sich die Tötungsdelikte gegen Kinder unterscheiden, wenn sie von Frauen und Männern begangen worden sind.
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