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Neustart mit 46
Auf dem Motorrad aus der Krise

Mit über 40 zurück aufs Motorrad
Mit über 40 zurück aufs Motorrad FOTO: Bretz, Andreas
Düsseldorf. Die Motorradfahrer-Gemeinde ist deutlich gealtert. Warum es ausgerechnet die Ü40-Generation aufs Motorrad zieht, erklärt unser Autor - aus eigener Betroffenheit nach seinem 46. Geburtstag. Von Thomas Reisener

Midlife-Crisis ist wunderbar. Man muss sie nur richtig ausleben. Vier Wochen nach meinem 46. Geburtstag habe ich mir ein Motorrad gekauft. Das erste nach mehr als 20 Jahren.

Gefährlich, teuer, unpraktisch – jahrelang rang in mir die Vernunft mit der Sehnsucht nach früher. Nicht nach "der Freiheit", wie viele Motorradfahrer ihre Motivation oft beschreiben. Eher nach der Faszination einer wunderbar klaren Mechanik, die sich nur auf einem Motorrad so unmittelbar an den Körper schmiegt. Erlebbare Technik. "Sprichst du auch mit den Dingern?", hat meine Frau mich kürzlich gefragt. Irgendwie schon. Und auf ihre Art antworten sie ja auch.

Es gibt keinen Motorradfahrer, der den Kampf zwischen Leidenschaft und Angst nicht kennt: 83 Menschen sind im vergangenen Jahr allein in NRW bei einem Unfall mit dem Motorrad gestorben – 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotzdem hat sich bei 3,9 Millionen Motorradfahrern in Deutschland die Leidenschaft durchgesetzt. Wer sind sie, und was treibt sie an?

Als ich – ziemlich vernünftig – meinen Wiedereinstieg mit einem Motorradtrainig auf dem ADAC-Gelände in Grevenbroich beginne, bin ich überrascht. Ich hatte jüngere Teilnehmer erwartet. Abgesehen von Flora, der gerade der Name ihrer Suzuki nicht einfällt (Trainer Ralf: "Welche Farbe hat sie denn?"), sind wir ein Ü40-Club. Und liegen damit im Trend: 64 Prozent aller Motorradfahrer in Deutschland sind zwischen 40 und 59 Jahre alt, nur 14 Prozent sind jünger als 29. Das war mal andersherum.

Für Motorräder kann man mühelos 20.000 Euro ausgeben

Entsprechend hat sich das Krad vom preiswerten Auto-Ersatz zum aufgemotzten Lifestyle-Vehikel entwickelt. Auch für Zweiräder kann man heute mühelos 20.000 Euro ausgeben – um sie dann für weitere 20.000 mit Büffelleder-Sitzbänken, strömungsoptimierten Zylinderköpfen und klangvollen Zubehör-Auspuffrohren umbauen zu lassen. Je nach dem, was einem seine Midlife-Crisis so wert ist.

Zuerst habe ich es mit Alternativen versucht. Mit einer neuen Armbanduhr. So einer mit Stopp-Funktion, auf der man rumdrücken kann. Ganz nett. Dann habe ich unseren unschuldigen Elektrorasenmäher gegen einen Benzinrasenmäher getauscht. Auch ein guter Ansatz, aber noch nicht die richtige Dosis. Dann sah ich dieses Motorrad. Zufällig, aus dem Augenwinkel.

Es stand auf dem Seitenständer vor irgendeinem Düsseldorfer Café. Keiner von diesen japanischen Joghurtbechern mit Vollverkleidung und Rennbemalung, sondern das genaue Gegenteil. Eine italienische Schönheit mit nacktem Motor und zwei stolz herausragenden Zylindern. Plus zwei Räder und Lenker – sonst nichts. Mehr Klassik geht nicht. Zwei Tage später erklärte mir ein Moto-Guzzi-Händler, dass es dieses Modell auch mit ABS-Bremssystem gibt. Damit sei man viel sicherer unterwegs als früher. Ich folgte seiner Argumentation bereitwillig. So schnell hat wohl selten ein Händler ein neues Motorrad verkauft.

Vor dem ADAC-Training noch zur Fahrstunde

Um mich beim ADAC-Training nicht zu blamieren, habe ich vorher eine Fahrschulstunde gebucht. 50 Minuten auf Parkplatz 2 vor dem Borussen-Stadion in Mönchengladbach. Hütchen im Slalom umkurven, anfahren, bremsen und so langsam wie möglich durch einen improvisierten Parcours. "Das kannst du hier auch alleine immer mal üben", empfiehlt mir der Fahrlehrer, "so lernt man sein Motorrad gut kennen." Ich war tatsächlich nochmal da.

Im ADAC-Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich regnet es den ganzen Tag. "Dürfen italienische Motorräder bei dem Wetter überhaupt fahren?", witzelt Trainer Ralf, als ich meine Maschine erst einmal publikumswirksam abwürge. Wir üben Vollbremsungen ab 40 Stundenkilometern aufwärts und schnelle Ausweichmanöver per energischem Lenkerdruck. Ralf verteilt Kopfhörer, die unter den Helm passen, und über die er Anweisungen gibt: "Guck nicht auf den Asphalt vor deinem Rad. Guck weit in die Kurve", knarzt es aus dem Kopfhörer. Woher weiß der überhaupt, wohin ich gucke? Ich probiere es aus: Plötzlich fahre ich viel gleichmäßiger durch die gewundene Teststrecke. "Und krall dich nicht so an den Lenker. Halte ihn, wie man einen gelben Kanarienvogel festhält", kommandiert Ralf. Tatsächlich. Jetzt spüre ich die Unterschiede im Asphalt in den Fingern und kann meine Fahrlinie anpassen. Warum der Kanarienvogel gelb sein muss, frage ich Ralf nach dem Training. "Weil gelb lustig ist. Ihr sollt beim Fahren lächeln."

Im Herbst soll es in die Toskana gehen. Mit einem meiner alten Motorrad-Kumpels. Aber anders als früher nehmen wir bis Verona den Autoreisezug. Damals ein undenkbarer Fauxpas. Aber Älterwerden hat ja auch Vorteile.

Quelle: RP
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