Wenn die Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim im April ihr 100-jähriges Bestehen feiert, steht der traditionsreichen Reformschule ein Fest der besonderen Art ins Haus. Denn am Wochenende wurde bekannt, dass an dem Privatinternat in den 70er und 80er Jahren zahllose Schüler missbraucht wurden - und dass dieser Missbrauch über Jahre hinweg weitgehend vertuscht wurde.
Dieses Schweigen wollten einige der damaligen Opfer nicht mehr hinnehmen. In der derzeitigen Schulleiterin Margerita Kaufmann haben sie nun eine Verbündete gefunden.
"Ein zweites Zuhause in Ober-Hambach", heißt es auf der Startseite der schuleigenen Hompage. Das Jubiläum trägt das Motto !100 Jahre leben lernen".
Die Schule liegt im Heppenheimer Ortsteil Ober-Hambach, Hessen. "Das Nest war früher selbstständig, daher nennen wir die Odenwaldschule bis heute OSO", erzählt TV-Moderatorin Amelie Fried, die 1975 ihr Abitur in dem idyllisch gelegenen Flecken im Südosten Darmstadts ablegte.
Zu der beachtlichen Reihe an mittlerweile prominenten Ex-Schülern zählt auch der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. Er sei erschüttert darüber, dass dabei "eine libertäre Sexualmoral, die auf Emanzipation angelegt ist, für sexuellen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung benutzt wurde", sagte der Politiker der Wochenzeitung "Die Zeit".
"Es kann sein, dass in der Festschrift eine weiße Seite erscheint", sagt Kaufmann über die Vorbereitungen zum 100-Jährigen. Eine Überschrift trage das leere Blatt jedoch. "So sieht die Aufarbeitung aus Sicht der Opfer aus", schwebt Kaufmann als Titel vor.
Ob die Jubiläumsbroschüre am Ende doch über dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Schule berichten wird, ist noch ungewiss.
Von 1972 bis 1985 leitete der Pädagoge und Theologe Gerold B. die OSO. 1999 gingen fünf ehemalige Schüler mit Vorwürfen gegen den Pädagogen an die Öffentlichkeit, die Staatsanwaltschaft stellte die begonnenen Ermittlungen dann aber wegen Verjährung wieder ein.
B. war danach weiter jahrelang gern gesehener Gast in Talkshows und schrieb noch 2002 im Vorwort zu einem von ihm verfassten reformpädagogischen Werk: "Schule hat die Körper von Kindern und Jugendlichen lange missachtet."
Weil sie nicht noch einmal zehn Jahre Schweigen über das Missachten ihrer Körper erdulden wollten, wandten sich 2008 mindestens 20 ehemalige Altschüler an das Internat und berichteten von Missbräuchen, die jetzt über 20 Jahre zurückliegen. "Zumindest 20 Opfer kann ich namentlich nennen", sagt die heutige Direktorin Kaufmann, die seit 2007 im Amt ist. Mitarbeiter der OSO und Altschüler berichten von über 50 Opfern, die sich zu Wort gemeldet hätten.
Ein Betroffener schilderte laut Kaufmann einen 400-fachen sexuellen Missbrauch durch den ehemaligen Schulleiter. In den Berichten der ausschließlich männlichen Opfer ist laut Kaufmann noch von weiteren Tätern die Rede, von erzwungenem Oralverkehr, von Weckzeremonien mit Streicheln der Genitalien und der Herabwürdigung zu "sexuellen Dienstleistern".
Die Berichtszeit, sagt die Schulleiterin, reiche von 1970 bis 1982: "Es war ein geschlossenes System, und irgendwann musste es einen Schlag geben." Den hat sie mit ihrem Schritt in die Öffentlichkeit nun selbst geführt. Eine Jubiläumsfeier ohne restlose Aufklärung soll es nach ihrem Willen nicht geben.