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Sexueller Missbrauch an der Odenwald Schule
  Foto: ddp, ddp
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Schüler der Odenwaldschule erinnern sich: Missbraucht, gemobbt und mundtot gemacht

VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 10.03.2010 - 15:46

Düsseldorf (RPO). Tagtäglich kommen neue Missbrauchsfälle an deutschen Schulen ans Tageslicht. Die Berichte lösen bei vielen ehemaligen Schülern schmerzhafte Erinnerungen aus. Auch der Grüne Daniel Cohn-Bendit ist betroffen. Er zeigt sich aufgewühlt, genau wie viele seiner damaligen Mitschüler. Im Internet versuchen sie, das Geschehene aufzuarbeiten.

"Die Zeit des Schweigens, Vertuschens und des aktiven Täterschutzes ist vorbei. Endlich!" Mit diesen Worten fordert der Betreiber des Blogs Misalla seine Leser auf, das auszusprechen, über das bisher öffentlich geschwiegen wurde. Dabei geht es um die Fälle sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule in Hessen, einem reformpädagogischen Internat, das im April sein hundertjähriges Bestehen feiert. Zahlreiche ihrer Schüler wurden später prominent. Zu ihnen zählen neben Cohn-Bendit der frühere BDI-Chef Tyll Necker die Schriftsteller Klaus Mann und Jakob Arjouni.

Auf ihrer Homepage erweckt die Reform-Schule mit dem renommierten Namen den Anschein einer familiär-geborgenen Einrichtung. Auf Fotos sind fröhliche Schüler vor den romantischen Giebelhäusern der Schule zu sehen. Die Diskrepanz zum gegenwärtigen Erscheinungsbild der Schule in der Öffentlichkeit könnte kaum größer sein. Nur wenige Wochen vor dem Jubiläum bläst der Schulleitung ein medialer Sturm ins Gesicht.

Großer Gesprächsbedarf

In den 70er und 80er Jahren sollen sich mehrere Lehrer, darunter der damalige Schulleiter, an zahlreichen Schülern vergriffen haben. 25 haben sich inzwischen offiziell bei der Schulleitung gemeldet, Rektorin Margarita Kaufmann rechnet mit bis zu hundert Fällen. Am Dienstag gab der Vorstand der Odenwaldschule bekannt, geschlossen zurücktreten zu wollen. Teil der Begründung: die schleppende Aufarbeitung. Die Schule sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, sie habe allzulange versucht, die Sache zu vertuschen.

Aufarbeitung ist angesagt. Die Schule hat einen externen Psychologen zu Rate gezogen. Die Ehemaligen schwanken zwischen Fassungslosigkeit, Erschütterung und Trotz. Im Internet haben viele von ihnen ein Forum für sich entdeckt. Dort tauschen sie sich aus, die meisten bleiben anonym, weil sie nicht mit in den Medienstrudel gezogen werden wollen. In nur fünf Tagen ist die Zahl der Beiträge im Misalla-Blog auf über 700 angestiegen.

Erinnerungen an "Sexpoker"

Die Forumsteilnehmer tauschen sich aus über ihre ehemaligen Lehrer, deren Methoden und Vorlieben. Einer soll sich Schüler mit subtilen Methoden gefügig gemacht haben. Wer ihm zu Diensten war, wurde mit Gefälligkeiten entlohnt. „Herr B. (Name geändert, die Red.) begrüßte alle Kinder zum Essen an der Tür. Seine Objekt der Begierde streichelte er regelmäßig den Kopf und auch hin und wieder den Hintern“, schreibt ein Ehemaliger. Druckmittel gab es genug. „Dass B. männlichen Jugendlichen in die Hose gegriffen hat, die von ihm insofern abhängig waren, als der feine Herr Schulleiter über die Fortführung ihrer Stipendien zu entscheiden hatte, ist leider ebenfalls wahr. Das ist Unzucht mit Abhängigen im Wortsinn“, klagt ein User namens Altschüler74 an.

Andere Ehemalige schildern konkrete Begebenheiten. User „Ratlos“ tut dies besonders anschaulich: „Ich war zwölf Jahre alt, als ich auf einem Familienausflug auf der Waldeck Teilnehmer eines durch das Familienoberhaupt initiierten “Sexpokers” wurde, das eine Klassenkameradin von mir verlor und schließlich nur mit Unterhose bekleidet zwischen uns saß. Wenige Monate später, ebenfalls auf der Waldeck, schmiegte sich dieses Familienoberhaupt in seinem Schlafsack an meinen, steckte den Arm in meinen Schlafsack und fing an, an meinen Genitalien zu spielen. Ich wusste nicht, wie mir geschah, drehte mich im Schlafsack von ihm weg. Dadurch hörte er auf. Viele Jahre später war ich auf einem Altschülertreffen und sprach kurz mit diesem Lehrer. Mit etwas Speichel im Mundwinkel sagte er zu mir, wir hätten damals aber doch wirklich viel Spaß gehabt.“

Eine differenzierte Diskussion

Die Diskussion ist bemerkenswert vielschichtig. Es geht um mehr als Anklage. Es geht um das Aufarbeiten der eigenen Vergangenheit und das Einordnen der Geschehnisse an einer Schule, an der viele eine gute Schulzeit verbracht haben. So mancher ist allein mit seiner Fassungslosigkeit. „Mache mir aber seit Tagen Gedanken ob ich so blind war oder weggeschaut habe oder wirklich nichts mitbekommen habe“, schreibt ein User.

Andere relativieren die Vorfälle. Die Vorlieben der Lehrer seien bekannt, ein „Nein“ immer möglich gewesen, manche Schüler hätten Lehrer gezielt ausgenutzt. Oftmals schimmert so etwas wie Korpsgeist durch. Viele wehren sich entrüstet gegen den „Medienorkan“ und wollen sich ihre Schule nicht kaputtmachen lassen. „Die Odenwaldschule ist eine großartige Institution, die Erfahrung Odenwaldschule will ich nicht missen und ich würde meine Kinder immer noch an die OSO schicken“, hat einer in die Tasten gehämmert. Andere warnen davor, unbelegbare Beschuldigungen in die Welt zu setzen.

Links-alternatives Schulleben

Wenn die ehemaligen Odenwaldschüler sich zurückerinnern, entsteht das Bild eines Schullebens in einem links-alternativen Koordinatensystems, in dem vieles erlaubt war, so mancher Lehrer geduzt wurde, manche Lehrkraft aber Fürsorge mit zu großer Nähe verwechselte: „Ich bin auch ’sanft’ geweckt worden (nicht von B.), ich habe B. auch den Kühlschrank leergefressen, seine Küche bei Kochexperimenten verwüstet. Ich habe seinen getunten VW-Bus nicht benutzt und zu Schrott gefahren, weil ich keinen Führerschein hatte. Aber andere haben es. Mag sein, dass B. sich in den einen oder anderen Schüler verguckt hat. Mag auch sein, dass er sich an Ihnen vergriffen hat. Aber es gab eine Menge Schüler, die Ihn gnadenlos ausgenutzt haben“, beschreibt etwa User Sascha Z. das Leben in dem Internat.

Was damals noch als normaler Umgang im Zusammenhang mit Jugendlichen auf der Suche nach sexueller Orientierung durchgehen konnte, was öffentlich bekannt und was augenscheinlich bewusst vertuscht wurde, darüber streiten nun nicht nur die Medien, sondern auch die Ex-Schüler aus Odenwald.

Cohn-Bendit erschüttert

Das Leben im Internat kennt auch der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit (64). Von 1958 bis 1965 war er Schüler der Odenwaldschule.  Er sei erschüttert darüber, dass dabei "eine libertäre Sexualmoral, die auf Emanzipation angelegt ist, für sexuellen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung benutzt wurde", sagte der Co-Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europaparlament der Wochenzeitung "Die Zeit". 

Er trete weiterhin für eine libertäre Sexualmoral ein, weil die "repressive Vor-68er-Sexualmoral" großen Schaden angerichtet habe, so der einstige Kopf der Studentenbewegung. Man müsse aber Grenzen setzen. "Den Kindern und Jugendlichen eine eigene Sexualität, einen eigenen Weg zuzugestehen war und ist richtig", sagte Cohn-Bendit. "Dass Erwachsene Kindern ihre Art von Sexualität, auch wenn sie einen libertären Anstrich hat, überstülpen, das verkehrt Emanzipation in ihr Gegenteil."

Ex-Schüler streiten über eigene Schuld

Fünf Tage, nachdem der Blog das Thema eröffnet hat, dreht sich die Diskussion auch um die individuelle Verantwortung des Einzelnen. Hätte man früher Alarm schlagen müssen? Gab es eine Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Schülern aus den Folgejahrgängen?

„Ich habe damals durchaus Lehrer und Eltern informiert. In den 70ern allerdings wurde man damals dann entsprechend gemobbt und mundtot gemacht. Mehr als erwachsene Verantwortliche zu informieren, kann man als Kind nicht tun. (…) Es wurde totgeschwiegen und unter den Teppich gekehrt, beschreibt ein User namens „Wissender“ seine vergeblichen Versuche, schon damals auf die Missbrauchsfälle aufmerksam zu machen. Einigen reicht das nicht. „Hast Du dich mit anderen zusammengefunden, nachgehakt und aufgedeckt?“, heißt es kritisch in den Reaktionen.

Dass sich eine frühzeitige Aufklärung in den 70ern und 80ern durchaus schwierig gestalten konnte, zeigt ein weiterer Vorfall: So wurden am Mittwoch nun auch Vorwürfe gegen die hessische Polizei laut. Wie das "Darmstädter Echo" berichtete, soll die Polizei in Heppenheim eine Schülerin abgewimmelt haben, als diese angerufen und von sexuellen Übergriffen berichtet habe. Die Beamten hätten handfeste Beweise verlangt und das Mädchen auf die Gefahr einer Gegenanzeige wegen falscher Beschuldigung hingewiesen. Das Polizeipräsidium Südhessen erklärte, die Polizei bemühe sich um Aufklärung der Vorwürfe und nehme diese ernst.

Quelle: KNA /ddp /RPO

 
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