Großfahndung nach Schwerverbrechern: Mülheim im Belagerungszustand
VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 29.11.2009 - 23:42Mülheim (RP). Den ganzen Tag über haben Polizeihundertschaften und Spezialeinsatzkommandos am Sonntag die Mülheimer Innenstadt nach dem zweiten, noch flüchtigen Ausbrecher Peter-Paul Michalski durchsucht. Sein Kumpan, Michael Heckhoff, war am Vormittag überwältigt worden.
Adventssonntag in Mülheim. Am Nachmittag hat sich das Schmuddelwetter gelegt. Eltern ziehen mit ihren Kindern über den Weihnachtsmarkt an der Schlossstraße. Ein Junge quengelt, weil er unbedingt aufs Karussell mit dem Polizeiauto will. Nur eine Straße weiter ist einem maskierten SEK-Beamten mit Schutzweste überhaupt nicht weihnachtlich zumute: „Warum lässt man in dieser Lage all diese Leute noch in die Stadt”, knurrt er durch den Mundschlitz.
„Die Lage” hatte sich für Mülheim am frühen Morgen entwickelt. Gegen zehn Uhr trifft in der Polizei-Einsatzleitstelle der Anruf eines Passanten ein. Er berichtet, dass er den gesuchten schwarzen BMW-Kombi mit den Ausbrechern Michael Heckhoff und Peter-Paul Michalski in der Nähe des alten Mülheimer Friedhofs gesehen habe. Die Gangster hatten den Wagen am Samstag einem älteren Ehepaar aus Essen-Werden geraubt und waren mit den beiden als Geiseln bis zum Abend unterwegs, ehe sie sie in Mülheim-Saarn wieder freiließen.
Tatsächlich entdecken gestern Polizisten Minuten nach dem Anruf den gesuchten Wagen mit der Nummer E-PS 1010 in einer Parkbucht an der Friedhofsmauer. Das Gelände ist wie geschaffen für einen Zugriff: Die Straße „Dimbeck” hat wenig Verkehr. Die Mauern des Friedhofs und der gegenüberliegenden Freilichtbühne verhindern, dass Unbeteiligte in das Schussfeld der zu allem bereiten Gangster geraten könnten.
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Im Nu liegt er am Boden
Kurz nach elf Uhr schnappt die Falle zu. Rund ein Dutzend maskierte SEK-Beamte stürzen auf einen Mann zu, der in der Nähe des BMW wartet. Es ist Michael Heckhoff (50). Er ist mit einer Pistole bewaffnet, die er beim Ausbruch in der Justizvollzugsanstalt Aachen erbeutet hatte. Er macht nicht einmal den Versuch, die Waffe zu ziehen. Im Nu liegt er gefesselt am Boden.
Eine Stunde später erinnert am Ort des Zugriffs nichts mehr an die dramatischen Minuten. Der BMW steht unbeschädigt am Straßenrand. Im Kofferraum liegt ein Kissen. Die Reifen sind mit Schlamm bedeckt, als sei der Wagen über Waldwege gefahren. Doch wo ist Peter-Paul Michalski (46)?
„Wir haben einen Teilerfolg erzielt”, stellt Polizeisprecher Peter Elke fest. „Ein Täter ist gefasst, niemand verletzt worden.” Genauso gut hätte er sagen können: „Die Aktion ist zum Teil gescheitert.” Denn Michalski konnte entkommen. Er soll sich in Richtung Mülheimer Innenstadt abgesetzt haben.
„Ich hatte unheimlich Angst”
Dort will etwa zur gleichen Zeit die 22 Jahre alte Vanya Toschiwa ihren Zeitschriftenstand auf dem Weihnachtsmarkt aufschließen. Sie sieht das riesige Polizeiaufgebot, das inzwischen den Dickswall, eine der Hauptverkehrsadern der Innenstadt, abgesperrt hat. Als sie hört, dass einer der Täter sich in unmittelbarer Nähe aufhalten soll, verlässt sie ihren Stand wieder und flüchtet in ein nahe gelegenes Café: „Da habe ich dann gewartet, bis mehr Menschen auf dem Markt waren”, berichtet die junge Frau. „Ich hatte unheimlich Angst.” Dazu besteht aller Anlass: Michalski hat nichts mehr zu verlieren. Er und Heckhoff haben eine lebenslange Haftstrafe mit Sicherungsverwahrung abzubüßen.
Allerdings soll die nun schon drei Tage währende Flucht den Ausbrechern erheblich zugesetzt haben, berichtet ein Fahnder. Offenbar verbrachten die Täter die letzten Nächte in Kellern und Hausflureingängen. „Die waren im Knast die großen Verbrecher und merken nun, dass sich die Dinge nicht so entwickeln, wie sie das erwartet haben.” Heckhoff habe in ersten Vernehmungen regelrecht demoralisiert gewirkt. „Das läuft ganz anders als in Gladbeck”, betont der Fahnder. „Damals hatten sich die Geiselnehmer in einen regelrechten Rausch hineingesteigert.”
Hauptbahnhof Düsseldorf gesperrt
Dieser Rausch hatte am Ende drei Menschen das Leben gekostet. So weit ist es in Mülheim nicht, doch auch dort kann es jeden Augenblick zu einem Ausbruch der Gewalt kommen, auch wenn die Polizei am frühen Nachmittag die meisten Straßenkontrollen wieder aufhebt. Nur rings um den Bahnhof und im Bahnhof selbst patrouillieren nun noch schwer bewaffnete Polizisten. Jeder Bahnsteig, jeder Zugang zum Gebäude ist mit mindestens drei Polizisten besetzt. Im Bahnhof soll Michalski, der sich anders als der in Mülheim geborene Heckhoff in der Stadt nicht auskennt, gestern zum letzten Mal gesehen worden sein.
„Es würde mich nicht wundern, wenn er jetzt mit dem Zug unterwegs ist”, sagt ein Kripo-Beamter. Kurze Zeit später sperren Einsatzkräfte der Polizei mehrere Gleise im Hauptbahnhof Düsseldorf. Fast eine Stunde lang warten Bewaffnete auf einen Gangster, der nicht kommt. Ein ICE wird komplett durchsucht ohne Ergebnis. Um 15.30 Uhr ziehen die Beamten wieder ab. Am Düsseldorfer Flughafen ist es ruhig.
In Mülheim dagegen wimmelt es von Polizisten, auch wenn sie nicht so deutlich in Erscheinung treten wie noch am Morgen. Doch der Jogger mit der viel zu dicken Weste oder die Männer in dem blauen Mercedes Vito mit Mettmanner Kennzeichen sind unschwer als Polizisten auszumachen.
Falsche Festnahme
Kurz nach 15 Uhr scheint das Drama ein Ende gefunden zu haben. Ein SEK-Kommando wirft auf dem Dickswall vor dem Schaufenster einer Werbeagentur einen Mann zu Boden, zwei Warnschüsse fallen. Ein Fotograf, der zufällig in der Nähe ist, kann sein Glück nicht fassen, dass er das vermeintliche Ende der Flucht unmittelbar vor die Linse bekommt. Eine halbe Stunde später kommt dann die ernüchternde Nachricht: Der Falsche wurde gefasst. Der Festgenommene hatte lediglich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem flüchtigen Michalski.
Gegen Abend fahren auf dem Dickswall und angrenzenden Straße wieder Polizeiwagen auf. Jetzt können Autos die Gegend um den Bahnhof erst nach einer Kontrolle der Passagiere und des Kofferraums verlassen. Um 19 Uhr wird die Sperre wieder aufgehoben von Michalski keine Spur.
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