Anklage spricht von 314 Fällen: Musiker Oliver Shanti wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht
zuletzt aktualisiert: 26.08.2009 - 18:36München (RPO). Während der Verlesung der Anklageschrift schüttelt Ulrich S. alias Oliver Shanti immer wieder den Kopf. Seit Mittwoch muss sich der ehemals erfolgreiche Esoterik-Musiker vor dem Münchner Landgericht gegen den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in 314 Fällen verantworten.
Bereits zu Verhandlungsbeginn lässt der 60-Jährige seinen Verteidiger Sebastian Bartels eine Erklärung verlesen, in der er alle Vorwürfe abstreitet. "Ich habe keine Kinder missbraucht", heißt es darin. "Kinder habe ich sehr lieb."
Die Staatsanwaltschaft wirft S. vor, zwei Mädchen und vier Jungen in 314 Fällen sexuell missbraucht zu haben. Die Kinder seien zum Tatzeitpunkt zwischen 8 und 16 Jahre alt gewesen. Bei der Zahl der Fälle handelt es sich laut Staatsanwaltschaft "lediglich um eine Mindestzahl". Es sei gut möglich, dass im Laufe der Verhandlung weitere Fälle auftauchten. Zudem seien einige Straftaten bereits verjährt.
Shanti leidet an MRSA-Keim
S. selbst unterbricht die Verlesung seiner Erklärung immer wieder mit Zwischenrufen aus einem Glaskasten heraus. Er leidet an dem sogenannten MRSA-Keim, auch Krankenhauskeim genannt - einer Multiresistenz gegen Antibiotika. Deshalb sitzt er nicht nur in einem gläsernen Sicherheitskasten, sondern muss zudem einen weißen Schutzanzug, Überschuhe und Gummihandschuhe tragen. Seinen Mundschutz darf er nur während der Verhandlung und auf Weisung des Vorsitzenden Richters abnehmen.
Der Angeklagte sieht sich als Opfer eines "Komplotts", das aus Neid auf seine musikalischen und finanziellen Erfolge angezettelt wurde. Drahtzieherin der angeblichen Intrigen sei die ehemalige Inhaberin eines Kunstverlags, dem auch der Musikverlag angehörte, in dem S. seine Musik produzierte. "Ich brauche mich nicht zu schämen, sondern werde durch das Meer der Lügen schwimmen müssen", sagt er. S., der offen zu seiner Homosexualität steht, räumt zugleich ein, er "hatte zu einigen der Geschädigten sexuelle Beziehungen, als diese keine Kinder mehr waren".
Zwischen 1980 und 2002 lebte S. gemeinsam mit einigen der betroffenen Kinder und deren Eltern in einer Art Kommune auf einer portugiesischen Finca, hatte zugleich aber noch einen Wohnsitz in München. Laut seinen Anwälten muss man sich die Gemeinschaft als große Familie vorstellen. "Die Familie war musikalisch geprägt, vergleichbar mit der Kelly Family", erklärt Bartels die Lebensumstände seines Mandanten. Die Funktion eines Gurus oder Sektenführers habe S. nie eingenommen. "Alle Kinder lebten gerne mit mir und bei mir in Portugal", ergänzt S. selbst. Der Anklage zufolge machte sich S. seinen Status als Vorstand der Gemeinschaft und sein väterliches Verhältnis zu den Kindern seiner Anhänger für seine Straftaten zunutze.
Seit 2002 war S. wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern international gesucht worden. Als im April 2002 Polizisten auf seinem portugiesischen Anwesen auftauchten, trat S. eine Flucht um die ganze Welt an. Zunächst setzte er sich seinen eigenen Angaben nach in einem Taxi, das ihm eines der mutmaßlich missbrauchten Kinder bestellen musste, ins nahe Spanien ab. Über Frankreich, Bali und Singapur kehrte er schließlich nach Portugal zurück, um sich in Lissabon niederzulassen, wo er schließlich von portugiesischen Behörden gefasst wurde. Im Juli 2008 wurde er nach Deutschland ausgeliefert und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft und der Anwälte von Ulrich S. werden im Prozessverlauf sowohl einige der mittlerweile erwachsenen Opfer als auch die ehemalige Inhaberin des Kunstverlags als Zeugen erwartet. S. kündigte bereits weitere Einlassungen im Beisein der Zeugen an. Der Prozess ist zunächst auf zehn Tage terminiert, wird aber voraussichtlich bedeutend länger dauern.
Leben als Hippie und Millionenumsätze
Shanti hatte nach seinen eigenen Angaben ab den 60er Jahren als Hippie gelebt und sich in Indien zum Musiker ausbilden lassen. Mit seiner Musik, die er als Weltmusik bezeichnet, habe er Millionen verdient. 1982 sei sein Verlag mit einem Jahresumsatz von damals 30. 000 Mark (etwa 15.300 Euro) gestartet, im Jahr 2002 habe der Umsatz dann bei zehn Millionen Mark ((5,1 Millionen Euro) gelegen. Durch das Geld besitze seine Kommune eine Finca in Portugal, die aus zwölf Häusern bestehe und mit wertvollen Kunstgegenständen ausgestattet sei. In diesem Reichtum habe der Grund für die Anzeige gelegen. "Ich besaß vieles mehr, also musste ich weg." Da er das Geld durch seine damaligen Freunde habe verwalten lassen, hätten diese es unter sich aufteilen können.
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