Beihilfe zum NS-Massenmord: Mutmaßlicher KZ-Wächter Demjanjuk heute vor Gericht
VON ROLAND LOSCH - zuletzt aktualisiert: 30.11.2009 - 08:20München (RP). Vor dem Landgericht München beginnt der Prozess gegen John Demjanjuk, einen ehemaligen Wächter des Vernichtungslagers Sobibor. Der 89-Jährige muss sich wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen verantworten.
Zum ersten Mal muss sich ein Osteuropäer wegen Beihilfe zum NS-Massenmord vor einem deutschen Gericht verantworten.
Wer ist dieser Mann? Iwan Nikolajewitsch Demjanjuk wurde am 3. April 1920 als Sohn eines Bauern in einem Dorf in der Ukraine geboren. Die deutsche Wehrmacht nahm ihn als Soldat der Roten Armee im Mai 1942 auf der Krim gefangen. Nach Kriegsende meldete er sich in einem Auffanglager für Displaced Persons (Entwurzelte) und wanderte 1952 in die USA aus. Er wurde Ford-Arbeiter, erhielt die US-Staatsbürgerschaft und lebte als John Demjanjuk mit Frau und drei Kindern bei Cleveland/Ohio.
Was wirft ihm die Anklage vor? Beihilfe zum Mord an 27.900 jüdischen Männern, Frauen und Kindern: Die SS soll den 22-jährigen Kriegsgefangenen als Hilfswilligen rekrutiert haben. Als bewaffneter Wachmann soll er mit anderen sogenannten Trawniki von März bis September 1943 im Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen geholfen haben, alle Ankömmlinge aus den Bahnwaggons direkt in die Gaskammern zu treiben.
Was sagt Demjanuk? Er bestreitet alle Vorwürfe und behauptet, er sei bis 1944 lediglich Kriegsgefangener gewesen. Dann habe er in der von den Deutschen gebildeten Wlassow-Armee gegen die Rote Armee gekämpft. Bei seiner Einwanderung in die USA hatte er behauptet, immer nur Arbeiter gewesen zu sein. Seine Verteidiger präsentieren eine dritte Version: Demjanjuk sei vor die Wahl gestellt worden, zu verhungern oder als Handlanger der Deutschen zu überleben.
Wie kam die Justiz auf Demjanjuks Spur? 1976 erhielten die US-Behörden aus der Sowjetunion einen von der SS ausgestellten Dienstausweis, demzufolge Demjanjuk 1943 nach Sobibor abkommandiert worden ist. Zehn Überlebende des Vernichtungslagers Treblinka sagten aber überraschend, der Mann auf dem Ausweisfoto sei "Iwan der Schreckliche", der in Treblinka gewütet hatte. Daraufhin wurde Demjanjuk nach Israel ausgeliefert und 1988 zum Tode verurteilt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion belegten freigegebene Unterlagen, dass Demjanuk nicht dieser Mörder von Treblinka gewesen war. 1993 kehrte er in die USA zurück.
Warum kommt Demjanjuk nun in München vor Gericht? Die US-Behörden ermittelten wegen Sobibor weiter gegen Demjanjuk und erkannten ihm die Staatsbürgerschaft erneut ab. Die Zentrale Ermittlungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg übernahm die Ermittlungen und gab den Fall schließlich an die Münchner Justiz ab, weil Demjanjuk vor seiner Auswanderung bei Starnberg gelebt hatte. Im März 2009 legten die Münchner Staatsanwälte einen Haftbefehl vor, im Mai wurde Demjanjuk aus den USA abgeschoben, obwohl er sich gebrechlich gibt.
Welche Beweise führt die Staatsanwaltschaft an? Demjanjuks von SS-Leuten unterschriebener Dienstausweis Nummer 1393 ist vom Bayerischen Landeskriminalamt als echt eingestuft worden. Er ist das wichtigste Beweismittel. Darin steht unter dem Foto, Namen und Geburtsdaten der Eintrag: "Abkommandiert am 27.3.43 zu Sobibor."
Welche Strafe droht Demjanjuk? Auf Beihilfe zum Mord stehen drei bis 15 Jahre Freiheitsstrafe.
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