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Letzter großer Prozess um Nazi-Verbrechen: Mutmaßlicher KZ-Wächter Demjanjuk vor Gericht

zuletzt aktualisiert: 26.11.2009 - 13:05

München (RPO). Jahrelang hat John Demjanjuk gekämpft, um sich nicht noch einmal wegen Kriegsverbrechen vor Gericht verantworten zu müssen. Letztlich vergeblich, was die Angehörigen von Millionen jüdischer Opfer im Zweiten Weltkrieg als Gerechtigkeit empfinden. Am Montag beginnt nun vor dem Landgericht München der Prozess gegen den 89-jährigen Ukrainer, der viele Jahre unbehelligt in den USA lebte.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen im Vernichtungslager Sobibor. Demjanjuk weist dies zurück. Es wird einer der letzten großen Prozesse um Nazi-Verbrechen.

Im polnischen Sobibor wurden von den Nazis zwischen Frühjahr 1942 und Oktober 1943 mindestens 250.000 Juden umgebracht. Geleitet wurde das KZ den Ermittlern zufolge von etwa 20 bis 30 SS-Leuten. Hinzu kamen bis zu 150 sowjetische Kriegsgefangene, die als Wachmänner dienten, darunter angeblich auch Demjanjuk.

Aufgabe der Wächter sei die Ermordung von Juden gewesen. "Gleichwohl floh er nicht aus dem Lager, obwohl er hierzu die Möglichkeit in der dienstfreien Zeit und bei Außeneinsätzen hatte", heißt es in der Anklageschrift. "Er war zudem im Besitz einer Schusswaffe, was die Möglichkeit einer Flucht erleichterte."

Eingeschränkt verhandlungsfähig

Stattdessen trieben die Wächter immer wieder Juden in die Gaskammern, die mit Motorabgasen gefüllt wurden. "Es entstand eine tödliche Mischung aus Kohlenmonoxid und Kohlendioxid. Nach einer Phase der Bewusstlosigkeit trat der Tod durch Lähmung des Atemzentrums ein. Nach etwa 20 bis 30 Minuten waren die Menschen tot", so die Ankläger.

Demjanjuk wird wegen unterschiedlicher Leiden täglich nur zwei Mal 90 Minuten verhandlungsfähig sein und im Rollstuhl vor Gericht erscheinen. Sein Anwalt Günther Maull hat bereits angekündigt, dass sich Demjanjuk nicht schuldig bekennen werde. Er bestreitet auch, als Kriegsgefangener der Deutschen in Sobibor eingesetzt worden zu sein. Sein Dienstausweis soll diese Frage klären. Maull ergänzt, Demjanjuk sei als Teil eines Nazi-Vernichtungslagers angeklagt und nicht, weil er Menschen eigenhändig ermordet haben soll. Als Kriegsgefangener habe er aber keine echte Alternative gehabt, als den Nazis zu helfen.

Erst zum Tode verurteilt, dann frei gesprochen

Demjanjuk droht in Deutschland eine lebenslange Haftstrafe. Für den ehemaligen Arbeiter in einer Autofabrik, der nach dem Weltkrieg viele Jahre die US-Staatsbürgschaft hatte, ist es nicht der erste Prozess. 1986 wurde er nach Israel ausgeliefert und dort zwei Jahre später zum Tode verurteilt.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass es sich bei Demjanjuk um "Iwan den Schrecklichen" handelt, ein im Vernichtungslager Treblinka für seine sadistischen Taten berüchtigter Aufseher. Dort starben 870.000 Menschen. Nach dem Urteil tauchten aber neue Beweise auf, 1993 hob Israels höchstes Gericht das Urteil auf. Demjanjuk wurde freigesprochen und kehrte in die USA zurück.

Ende 2005 wurde ihm abermals die Staatsbürgerschaft aberkannt. Im Mai 2009 lieferten die Amerikaner ihn nach Deutschland aus. Seitdem sitzt er im Münchner Gefängnis Stadelheim. "Jetzt, endlich, hat die Gerechtigkeit ihn eingeholt", sagt Rabbi Marvin Hier, Gründer des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles. Ähnlich hatte sich zuletzt Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, geäußert. Es sei nun ein Wettlauf gegen die Zeit. Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjährten aber niemals.

Angesetzt sind zunächst 35 Verhandlungstage bis Anfang Mai 2010. Ein Urteil davor gilt als unwahrscheinlich. Rund 20 Zeugen sollen vernommen werden.

Quelle: RTR/csr

 
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