Prozessauftakt: Mutter der neun toten Babys verweigert Aussage
zuletzt aktualisiert: 27.04.2006 - 10:48Frankfurt/Oder (rpo). Die Meldung im Sommer 2005 schockte das Land: In der Nähe von Frankfurt/Oder fanden Ermittler neun Babyleichen, die teilweise in Blumentöpfen versteckt worden waren. Die Mutter der toten Kinder muss sich seit Donnerstag wegen achtfachen Totschlags vor Gericht verantworten. Zu Prozessbeginn verweigert sie jede Aussage.
"Meine Mandantin möchte zu den Vorwürfen nichts sagen", erklärte ihr Verteidiger Matthias Schöneburg am Donnerstag vor dem Frankfurter Landgericht. Die Strafkammer trug deshalb das Protokoll der ersten richterlichen Vernehmung von Sabine H. vor. Nach ihrer Festnahme hatte sie eingeräumt, die Kinder jeweils kurz nach der Geburt getötet zu haben.
Der 40-Jährigen wird achtfacher Totschlag, davon einmal durch Unterlassung, vorgeworfen. Die erste Tötung eines Neugeborenen 1988 hatten die Richter bereits als verjährt nach DDR-Recht bewertet. Die Staatsanwaltschaft legt der Frau zur Last, zwischen 1992 und 1998 weitere acht Kinder gleich nach der Geburt umgebracht zu haben. Deren Leichen verpackte sie in Plastiksäcken, vergrub diese in Blumentöpfen und einem Eimer und stellte diese auf dem Balkon ihrer Plattenbauwohnung ab.
Nur an zwei Geburten habe sie sich richtig erinnern können, erklärte Sabine H. der Haftrichterin am 1. August 2005, einen Tag nach dem Fund der Leichen. Ansonsten habe sie sich stets betrunken, wenn die Wehen einsetzten, hieß es in dem vom Vorsitzenden Richter Matthias Fuchs verlesenen Protokoll.
"Mein Mann wollte keine weiteren Kinder"
Zum Motiv erklärte sie damals: "Wir hatten schon drei Kinder, mein Mann wollte keine weiteren Kinder." Der mittlerweile von ihr geschiedene Oliver H. ist für den Nachmittag als Zeuge geladen. Sabine H. hatte ausgesagt, er habe von den Schwangerschaften nichts bemerkt.
"Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich jedes Kind bekommen", sagte H. damals der Richterin. "Mein Mann hätte mir aber nicht geholfen." Ihren Schmerz über die toten Babys habe sie im Alkohol ertränkt. "Ich habe immer gehofft, mein Mann bemerkt die Schwangerschaften von selbst", erklärte sie. Nur aus Furcht davor, dass ein Frauenarzt Spuren der Geburten erkennen könne, habe sie sich nicht sterilisieren lassen.
Im Einzelnen schilderte Sabine H., wie sie 1988 ein Mädchen direkt in die Toilette gebar. "Danach hatte ich einen Filmriss", sagte sie. Vier Jahre später habe sie bei einem Arbeitsaufenthalt in Goslar (Niedersachsen) in ihrem Hotelzimmer einen Jungen entbunden. Im Vernehmungsprotokoll hieß es, kurz darauf sei eine Kollegin ins Zimmer gekommen, vor der sie das Baby unter einer Decke verborgen habe. Weil sie das Kind dann nicht versorgt habe, sei es vermutlich an Unterkühlung gestorben.
Die Reste der Babyleichen waren am 31. Juli 2005 in Brieskow-Finkenheerd bei Frankfurt (Oder) hinter dem Elternhaus von Sabine H. in einem Schuppen entdeckt worden. Dorthin hatte sie die Blumentöpfe zwei Jahre zuvor gebracht. Es handelt sich um den bisher schwersten bekannt gewordenen Fall von Kindstötungen in Deutschland.
Ursprünglich sollte Sabine H., die vier lebende Kinder hat, wegen achtfachen Mordes angeklagt werden. Die Richter hatten die Anklage aber nicht zugelassen, weil sie das juristische Mordmerkmal der Verdeckung einer Straftat nicht erkennen konnten. Vielmehr seien Aussagen der Frau plausibel, wonach sie sich vor der wachsenden Verantwortung für die Kinder gefürchtet habe, sagte Justizsprecher Andreas Dielitz.
Für den Prozess, der unter großer öffentlicher Anteilnahme begann, sind zunächst elf Verhandlungstage geplant. Insgesamt sind 68 Zeugen und acht Gutachter geladen. Der Angeklagten drohen bis zu 15 Jahre Haft.
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