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NRW prüft höhere Strafen für Rettungsgassen-Muffel
Busunglück in Oberfranken löst Sicherheitsdebatte aus

Video: 18 Menschen sterben bei Busunglück
Münchberg. Nach dem verheerenden Unfall auf der Autobahn 9 in Nordbayern geraten Sicherheitslücken in Reisebussen in den Fokus. Hätte moderne Fahrzeugtechnik das Unglück verhindern können? NRW prüft derweil höhere Strafen für Rettungsgassen-Muffel.

Der Tag nach dem verheerenden Busbrand auf der A9 in Oberfranken steht im Zeichen der Ursachenforschung: Die Überlebenden der Katastrophe sollten - soweit das möglich ist - befragt werden, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken am Dienstag. Darunter ist auch einer der beiden Busfahrer. "Das wird sicher nicht heute abgeschlossen werden", sagte der Sprecher. Der Zustand der 30 Verletzten sei unverändert. Zwei davon hatten schwere Brandverletzungen erlitten.

Fotos: Busunglück in Oberfranken FOTO: dpa

Auf Höhe Münchberg bei Hof war ein Reisebus mit 48 Menschen an Bord auf einen Sattelzug aufgefahren und sofort in Brand geraten. 18 Menschen starben in den Flammen. Das Wrack, das nur noch ein verkohltes Gerippe des Busses ist, wird nach Angaben des Polizeisprechers kriminaltechnisch untersucht und von einem Gutachter besichtigt. Über die Brandursache gibt es mehrere Spekulationen. Ob sie jemals endgültig geklärt werden kann, ist derzeit noch offen. Das werde auf jeden Fall noch einige Zeit dauern, sagte der Sprecher. 

Wie sicher sind Reisebusse?

Da sich der Reisebus binnen kürzester Zeit in einen Feuerball verwandelt hatte, wird nun über Sicherheitslücken in Reisebussen diskutiert. Erst seit November 2015 müssen Busse mit einem Notbremssystem ausgestattet sein. Dieses lasse sich aber leicht abschalten, kritisierte der Kraftfahrtexperte des TÜV Rheinland, Hans-Ulrich Sander, am Montagabend im ZDF: "Die Abschaltbarkeit eines solches Notbremssystems halte ich für verkehrt. Die sollten nicht deaktivierbar sein", sagte er und forderte, diese Gesetzeslücke müsse schnell geschlossen werden.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, sagte im ARD-Brennpunkt: "Das große Problem liegt in den Innenraum-Materialien der Busse: Sie sind deutlich leichter entflammbar als die, die die Deutsche Bahn verbauen muss."

NRW prüft höhere Strafen gegen Rettungsgassen-Muffel

18 Menschen kamen am Montagmorgen beim Brand des Reisebusses nahe Münchberg ums Leben. 30 weitere Reisende wurden verletzt - einige von ihnen schwer. Die Opfer waren auf dem Weg aus Sachsen in Richtung Gardasee. Der Bus war aus noch ungeklärter Ursache auf einen Lastwagen aufgefahren und in Brand geraten. Nur ein Stahlgerippe blieb übrig. In dem Fahrzeug saßen 46 Reisende sowie zwei Fahrer.

Nach dem Unfall sorgte zudem für Empörung, dass die Rettungsgasse zu schmal war und die Rettungskräfte deshalb wertvolle Zeit verloren. Der neue NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) plant daher eine Aufklärungskampagne zur Notwendigkeit von Rettungsgassen. Reul sagte unser Redaktion: "Nach schweren Unfällen kommt es auf jede Sekunde an. Deshalb sind Rettungsgassen so wichtig. Darüber werden wir in NRW künftig noch stärker aufklären. Und auch für höhere Strafen sind wir offen."

Professor Hermann Winner, Experte für Autonomes Fahren an der TU Darmstadt, erklärte: Damit solche Unfälle nicht mehr passieren, seien nicht abschaltbare Notbremssysteme wichtig, die auf Stau-Enden reagierten. Bis Reisebusse ganz autonom fahren, werde es jedoch noch dauern. Die heutige Technik könne viele besondere Situationen noch nicht beherrschen.

Nicht jeder Bus hat Notbrems-Assistenten

Bei Notbrems-Assistenten erkennen Kameras und Radarsensoren Hindernisse auf der Fahrbahn, machen mit Warnlicht und Warnton auf die Gefahr aufmerksam und bremsen automatisch, wenn der Fahrer nicht reagiert. Damit lässt sich ein Aufprall zumindest abmildern, bei den modernsten Notbrems-Assistenten im Idealfall auch ganz verhindern. Allerdings sparen sich manche Busunternehmen, was gesetzlich nicht zwingend vorgeschrieben ist.

Laut dem Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer war der Unglücksbus drei Jahre alt und zuletzt im April vom TÜV ohne Beanstandung überprüft worden. Der Fahrer, der den Reisebus zum Unfallzeitpunkt lenkte und starb, war demnach seit mehr als zehn Jahren bei seiner aktuellen Firma beschäftigt und wurde vor vier Jahren für langjähriges unfallfreies und sicheres Fahren ausgezeichnet.

Bus-Besitzer tritt vor Kameras

Auch der Besitzer des Unglücksfahrzeugs meldete sich am Montagabend zu Wort. Er äußerte sein Mitgefühl: "Die Gedanken sind natürlich bei denen, die im Krankenhaus liegen - und natürlich auch bei denen, die zu Hause warten auf eine Information: "Was ist denn mit meinen Verwandten und Bekannten?"", sagte der Unternehmer Hartmut Reimann aus dem sächsischen Löbau im ARD-Brennpunkt. Und: "Es tut uns sehr, sehr leid - aber ich kann's nicht mehr ändern."

(oko/dpa)
 
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