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Elbphilharmonie in Hamburg
Nah am Wasser gebaut

So sieht die neue Elbphilharmonie aus
So sieht die neue Elbphilharmonie aus FOTO: dpa, chc lof fdt
Hamburg. Gut zwei Monate vor der Eröffnung der Elbphilharmonie ist die Plaza des spektakulären Gebäudes am Samstag erstmals offiziell für Besucher geöffnet. Nun fiebert Hamburg dem Eröffnungskonzert am 11. Januar entgegen. Von Wolfram Goertz

"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, kommet ihr nicht ins Himmelreich." Dieser Satz aus dem Matthäus-Evangelium kehrt sich jetzt in Hamburg ins Gegenteil. Das Himmelreich ist schon da, es heißt Elbphilharmonie, befindet sich in paradiesischer Lage in der Hafen-City, und als die Musiker des NDR-Sinfonieorchesters jetzt erstmals im großen Saal probten, wurden sie zu Kindern. Viele hätten ihre Tränen nicht unterdrücken können, berichtet Chefdirigent Thomas Hengelbrock. Über Jahre hatten alle geglaubt, der Bau sei eine Variante jenes unerreichbaren Schlosses, dem Franz Kafka ein Roman-Meisterwerk über das Phänomen der Vergeblichkeit widmete.

Doch nun träumt sich Hamburg fast im Fieberwahn dem Eröffnungskonzert am 11. Januar entgegen. Die Elbphilharmonie hat sich erfüllt – und die Sydney Opera als berühmtestes städtisches Musikwahrzeichen hat ausgedient. Die ganzen Groß- und Kleinskandale – Baustopps und parlamentarische Untersuchungsausschüsse – der schier endlosen, um fünf auf 13 Jahre verlängerten Baugeschichte scheinen vergessen, ebenso die maximal betrübliche Tatsache, dass sich die Kosten für die Steuerzahler auf nunmehr 790 Millionen Euro vervielfacht haben.

 Schöneres kann moderne Architektur nicht bieten

Elbphilharmonie also ahoi! Doch bevor die Fahrt losgeht, muss man erst hinkommen. Das geht im widrigen Hamburger Klima selten trocken. U-Bahnen und Busse halten in gehöriger Entfernung, Parken ist fast unmöglich; die meisten Tiefgaragenplätze sind für das (in den Gebäudekomplex integrierte) Luxushotel Westin vorgesehen. Wer auf Stöckelschuhen ins Konzert will, sollte Ersatzschuhe mitnehmen. Die edlen Vororthotels in Blankenese bieten bereits Fährdienste an.

Das Gebäude bleibt weiterhin ein Appell der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron an die Fantasie. Bildet die Elbphilharmonie den Aufprall der Generationen ab? Unten der behäbig im Wasser ruhende Kaispeicher aus den 60er Jahren, in dem früher Kakao, Tee und Kaffee lagerten, oben das gezackte Glitzerraumschiff, dessen als Fenster dienende Glasbeulen das Licht an jedem Punkt anders reflektieren. Oder ist das eine poröse Gletscherlandschaft, die ins eisige Hamburg abgetrieben wurde, dort auf Grund lief und bereits Moos angesetzt hat? Solche Fragen beantwortet die Elbphilharmonie nicht. Sie liegt und schweigt. Jeder kann sich denken, was er will. Schöneres kann moderne Architektur nicht bieten.

Fangen wir mal am Eingang an. Zunächst besteigt man durch ein fast unscheinbares Entree eine 80 Meter lange Bogenrolltreppe (intern "Tube" genannt), die einen in höhere Gefilde führt, vorbei an Wänden voller Glitzer-Pailletten. Das Staunen entschleunigt jeden Besucher, zugleich wird er sozusagen vom Gebäude eingesaugt. Am Ende dieser Fahrt wartet ein genialer Blick durch ein Riesenfenster Richtung Landungsbrücken, wonach eine zweite und deutlich kürzere "Tube" den Besucher auf die Plaza gleiten lässt.

Das Herzstück: Der große Saal mit 2100 Plätzen

Diese Plaza in 37 Metern Höhe, die gestern von Bürgermeister Olaf Scholz eröffnet wurde, gibt zu weiteren kreativen Mutmaßungen Anlass. Vorderhand ist das eine verglaste Aussichtsterrasse, die einen phänomenalen 360-Grad-Blick auf ganz Hamburg gewährt. Durch diese Plaza wird der Bau für manche auch zu einem verkappten Hamburger (in englischer Aussprache); solche Skeptiker halten die Plaza womöglich für eine Bandscheibe, einen Puffer, der Kaispeicher und Philharmonie voreinander schützt. In Wahrheit ist sie eine spirituelle Verbindung, eine elegante Durchreiche von unten nach oben.

Freilich ist in der Plaza die Reise nicht zu Ende, sie verteilt die Musikfreunde nämlich auf Treppen, die zu den Sälen führen. Im kleinen Saal (550 Plätze) kann man variabel herumtoben, Jazz, Kammermusik und Liederabende geben; hier gibt es im Format des klassischen Rechtecks Wände aus bearbeitetem Holz. Der große Saal bildet mit seinen 2100 Plätzen das Herzstück des Gebäudes. Die Wände sind hell und aus 10.000 gefrästen Gipsfaserplatten; der japanische Akustiktüftler Yasuhisa Toyota hat vermutlich jede einzeln bearbeitet. Zugleich sitzt man wunderbar nah bei den Musikern. Gute Plätze, schlechte Plätze? Ach was, wir befinden uns in einem demokratisch angelegten Weinberg der Musik; dessen Hänge sind in Terrassen nicht sehr regelhaft um die Bühne gruppiert. So wird der Saal zum vollständig geschlossenen Amphitheater, in dem eine erfrischende Asymmetrie herrscht.

Das alles und noch mehr machen die Elbphilharmonie zu jenem himmelwärts strebenden Musiktempel, auf den Hamburg so lange gewartet hat. Die Welt ringsum staunt. Gratulieren wird sie aber erst zum offiziellen Eröffnungskonzert am 11. Januar. So viel Zeit muss sein.

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