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Ehemaliges Entführungsopfer bei Beckmann: Natascha Kampusch: "Ich bleibe zum Trotz ich"

VON RAINER KURLEMANN - zuletzt aktualisiert: 07.09.2010 - 10:02

Düsseldorf (RPO). Drei Tage vor der offiziellen Buchvorstellung über ihre Gefangenschaft war Natascha Kampusch bei Reinhold Beckmann zu Gast. Ein Gespräch weniger über ihre Geiselhaft, sondern auch über das Leben danach. Und dass der Fall Kampusch kein Einzelfall ist.

Die Hauptdarstellerin ist sichtlich aufgeregt. Ihre Hände spielen nervös miteinander, aber dennoch beherrscht sie das Gespräch. Natascha Kampusch macht bei Reinhold Beckmann einen seriösen Eindruck, ihre Stimme ist leise und vorsichtig, aber sie weicht keiner Frage aus – und antwortet immer kurz und präzise. Sie versucht immer wieder ein Lächeln. Eine intelligente Frau mit einem großen Wortschatz, keineswegs das lebensunfähige Kind, das nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft verstört und zurückgeblieben ist.

Natascha Kampusch will eben diese Botschaft bei Beckmann platzieren. Es ist der Antrieb, der sie auch motiviert habe, ihr Buch zu schreiben, sagt sie. „Ich wollte die Geschichte loswerden.“ Am Donnerstag wird ihr Buch „3096 Tage“ offiziell vorgestellt. Der Titel bezieht sich auf die Dauer der Entführung.

1700 Kinder werden derzeit in Deutschland langzeit vermisst

Reinhold Beckmann bietet für Voyeuristen nur wenig. Er verzichtet auf die besonders unappetitlichen Passagen des Buches. Statt dessen schließt er ein Interview mit der Mutter der vermissten Deborah aus Düsseldorf an und befragt den Polizei-Psychologen Adolf Gallwitz. 1700 Kinder werden derzeit in Deutschland langzeit vermisst, berichtet Gallwitz. Ja, in anderen Ländern werde intensiver nach Kindern gesucht. Dort gebe es weniger die Angst als in Deutschland, dass es vielleicht doch nur falscher Alarm sein könnte. Deborahs Mutter berichtet, dass die Polizei sie zwar verhört habe, aber niemand ihr Hilfe angeboten habe. Als Mutter einer vermissten Tochter werde man auf der Straße geschnitten. „Die Leute wechseln den Bürgersteig“, sagt Debbies Mutter und Gallwitz nickt.

„Meine Mutter hat dasselbe erzählt“, bestätigt auch Natascha Kampusch. An dieser Stelle ist die Sendung so bedrückend wie zuvor Kampuschs Erzählungen. Die Eltern vermisster Kinder haben es schwer, nicht nur wegen der schrecklichen Tat, sondern auch wegen des Umgangs der Gesellschaft mit ihnen. Die Familien zerbrechen meistens unter dem Druck. Auch Natascha Kampusch sucht mit dem Buch und dem Interview vier Jahre nach ihrer Flucht einen Ausweg aus dieser Mühle. Wie sie von anderen Menschen wahrgenommen werde, sei heute noch eines der wichtigsten Themen ihrer Therapie, zu der auch wohl das Schreiben des Buches gehört.

 „Am Anfang hat mir niemand wirklich zugehört“, sagt Kampusch, „ich war nicht genug Opfer, meine Geschichte konnte nicht stimmen.“ Sie habe immer daran gearbeitet, ihre Persönlichkeit so gut es geht zu schützen. „Es ändert nichts an der Situation, wenn man das Geschehene zu emotional sieht“, sagt Kampusch. Auswandern will sie nicht, dann würde sie klein beigeben. „Ich bleibe zum Trotz ich.“

"Ich hatte das Gefühl für mich verloren"

Beckmann beschränkt sich auf wenige Fragen, um die Qual der Gefangenschaft zu beschreiben. Mit 20 Schritten konnte Natascha Kampusch ihr ganzes Verlies umrunden. Mit tagelanger Dunkelheit und Hungerkuren wurde sie von ihrem Peiniger - Kampusch sagt immer nur: „der Täter“ - im Verlies gefoltert. Manchmal habe sie nicht mehr die Kraft gehabt, wegzulaufen. „Ich hatte das Gefühl für mich verloren“, formuliert es Natascha Kampusch. Das änderte sich erst, als sie älter wurde.  „Mein Freiheitsdrang war aber so stark, ich wollte mein eigenes Leben führen.“ Über sexuelle Gewalt spricht sie nicht, davon steht auch nichts im Buch.

Zwei Fragen spart Beckmann aus, der seine Gesprächspartnerin schonen will. Zum einen den (abstrusen) Vorwurf, sie habe das Buch nur geschrieben um damit Geld zu verdienen. Zum anderen die scheinbaren Widersprüche zwischen den Polizeiakten und der Darstellung in ihrer Biographie, die in österreichischen Medien diskutiert werden. Es wäre besser gewesen, wenn Kampusch ihre Antworten hätte geben können - so bleiben sie ohne ihre Einlassung.   

Nach ihren eigenen Angaben lebt Natascha Kampusch derzeit in Wien und hat einen Schulabschluss nachgeholt. Heute gehört ihr das Haus, in dem ihr Verlies untergebracht war. Sie habe es als Schadenersatz bekommen; was damit geschehen werde, wisse sie nicht. Ihr Buch wurde von einer Ghostwriterin aus ihren Erzählungen verfasst. Besondere Pläne für ihr weiteres Leben habe sie derzeit nicht, das nächste Projekt sei ein Film über ihr Schicksal.

Wenn ihre Geschichte von Bernd Eichinger verfilmt wird, werde sie Einfluss auf das Drehbuch nehmen. Einer der seltenen Fälle, wo die Stimme energisch und stark klingt. „Das glaube ich“, bestätigt Beckmann.

Quelle: rpo

 
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