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Von "Ela" bis "Niklas"
Der stürmische Klimawandel

Sturmtief "Niklas" fegt über NRW
Sturmtief "Niklas" fegt über NRW FOTO: dpa, fg
Düsseldorf. "Ela" ist vielen noch in Erinnerung, "Niklas" hat uns nun kräftig um die Ohren geweht – Deutschland scheint von Stürmen geplagt zu sein. In den vergangenen Jahren gab es im Schnitt jedes Jahr einen Orkan. Und die Prognose ist düster: Vor allem in NRW soll es künftig im Winter heftiger wehen. Von Rainer Kurlemann

In Düsseldorf und Umgebung sind die schweren Schäden durch den Sturm "Ela" noch nicht vollständig beseitigt, da fegt bereits der nächste Orkan durch die Bundesrepublik. "Niklas" erreichte auf der Zugspitze Windgeschwindigkeiten von bis zu 192 Kilometern pro Stunde; an mehreren Orten in Deutschland wurden Spitzenböen mit mehr als 130 km/h gemessen.

Deutschland scheint sturmgeplagt. In den vergangenen zehn Jahren gab es im Durchschnitt jedes Jahr einen Orkan. Tritt dieses Naturereignis mittlerweile häufiger auf, als es in der Vergangenheit der Fall war? Werden Stürme in bestimmten Monaten zum alltäglichen Begleiter?

"Das ist ein schwieriges Thema", antwortet Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst (DWD). "Für die Vergangenheit gibt es keine belastbaren Auswertungen zur Veränderung von Stärke oder Häufigkeit von Stürmen über Deutschland", erklärt er die Situation. Während Temperaturverläufe und Regenmengen über viele Jahrzehnte sehr gut dokumentiert sind, hält sich der DWD bei Stürmen zurück.

Zahlen und Fakten zu Orkan "Niklas"

Die Versicherungsunternehmen, die sich mit Wetterfragen gut auskennen, weil sie die Schäden der Stürme begleichen müssen, werden da schon etwas konkreter. Ergo-Vorstandsmitglied Christian Diedrich kann durchaus Veränderungen in der Sturmwetterlage beschreiben. "Früher gab es deutliche Nord-Süd-Unterschiede. Stürme traten im Winter vornehmlich im Norden auf, Hagel dagegen von Mai bis August im Süden und Südwesten", sagt Diedrich. Eine solche Eingrenzung auf Regionen und Zeiten sei heute allerdings kaum mehr möglich.

Im Süden wütetet "Niklas" sogar stärker als "Kyrill"

Der Orkan "Niklas" passt genau in dieses Bild. Der DWD stuft ihn als einen der heftigsten Märzstürme seit dem Jahr 1980 ein. "Niklas" ist als untypisch zu bezeichnen, weil er anders als die früheren großen Märzstürme nicht zu Monatsbeginn, sondern noch nach Frühlingsanfang wütete. Auch seine breite Ausdehnung ist sehr ungewöhnlich. "Niklas" wütete in Süddeutschland sogar noch stärker als der Orkan "Kyrill" im Januar 2007, der Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 km/h erreichte.

Grotenburg-Stadion: Sturm zerstört Solar-Anlage FOTO: Strücken,Lothar

Die Prognose für die Zukunft sieht alles andere als rosig aus. Durch den begonnenen Klimawandel werden sich in Deutschland wie in ganz Westeuropa die Bedingungen für Stürme mit starken Böen verbessern. Das gilt vor allem für das Winterhalbjahr. Diese Entwicklung sei regional unterschiedlich, sagt Paul Becker, Vizepräsident des DWD. "Insgesamt ist mit einer deutlichen Zunahme bei Stürmen mit Windgeschwindigkeiten von 85 bis 110 km/h zu rechnen", fasst Becker neue Studien zusammen.

Solche Stürme mit Windstärke zehn bis elf treten derzeit im Schnitt nur einmal pro Winter auf. Nach den Berechnungen des DWD dürfte deren Häufigkeit um 25 bis 100 Prozent zunehmen. Mancherorts wird es also statt einem in Zukunft zwei große Winterstürme pro Jahr geben. Ob diese Entwicklung aber jetzt schon begonnen hat oder ob sie noch bevorsteht, das vermögen die Experten nicht zu sagen.

Ergo: Zahl der extremen Naturereignisse seit 1970 in etwa verdreifacht

Düsseldorf/ Neuss: Lastwagen-Anhänger drohte umzukippen FOTO: Stefan Krauthoff

Dramatischer entwickelt sich die Situation bei Stürmen mit Windstärke zwölf und mehr. "Sie bedrohen unser Land heute im Mittel nur alle 25 Jahre", sagt Becker, "bis Ende des Jahrhunderts werden wir uns alle fünf Jahre auf solche Stürme vorbereiten müssen." Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat eine regionale Einordnung versucht. Das Ergebnis: Besonders in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Teilen Niedersachsens könnte es in Zukunft öfter heftig wehen, vor allem dort werden die Winterstürme der Studie zufolge zunehmen.

Die Wissenschaftler sind sich einig, dass der Klimawandel nicht nur bedeutet, dass es ein paar Grad wärmer wird und wir uns auf schönere Sommer freuen sollten. Vor allem die Zahl der extremen Wetterereignisse wird in den kommenden Jahren weiter steigen. Insgesamt habe sich in Deutschland die Zahl der extremen Naturereignisse seit 1970 in etwa verdreifacht, erklärt Ergo-Vorstand Diedrich. "Je früher und besser wir uns auf diese Wetterextreme vorbereiten, umso eher lassen sich die volkswirtschaftlichen Kosten der Anpassung an den Klimawandel begrenzen", sagt DWD-Vize Becker.

Der DWD will gerade kleinere Städte und Kommunen mit dem Planungssystem "Inkas" unterstützen, damit sie mit den Auswirkungen des Klimawandels fertig werden. Dabei spielen Stürme nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt stehen zwei andere Veränderungen, die die Klimaforscher als relativ sicher einstufen: vermehrt sintflutartige Regenfälle und immer länger werdende Hitzeperioden im Sommer. Überhitzte Städte sind vor allem für ältere Menschen eine große Gefahr.

Simulation von heftigen Regenfällen

Die wichtigsten Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, sind aus Sicht des DWD der Erhalt und Ausbau von Grün- und Wasserflächen, die Begrünung von Fassaden – und möglichst wenig versiegelte Flächen. "Wo Haus an Haus steht und viel Boden versiegelt ist, da wird es besonders warm", erklärt Becker.

Gegen den Starkregen versuchen sich manche Kommunen schon heute zu wappnen. Und das ist dringend nötig: Nach Angaben der Versicherungswirtschaft entsteht die Hälfte der Hochwasserschäden mittlerweile abseits von Flüssen. Deshalb gehört die Simulation von heftigen Regenfällen auch in eine gute Planung für neue Bebauungsgebiete. Oberflächen und Straßen sollten so gestaltet sein, dass das Wasser im Ernstfall nicht Keller oder Häuser überflutet, sondern andere Ausweichgebiete findet.

Bessere Vorplanung kann gegen heftige Sturmböen dagegen nur wenig ausrichten. Viele Städte ersetzen mittlerweile flachwurzelnde Bäume durch andere Arten, die bei heftigen Winden von einem besseren Halt des Wurzelwerks profitieren – und nicht so leicht umfallen.

Quelle: RP
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