| 13.15 Uhr

Scheidender EKD-Ratsvorsitzender
Nikolaus Schneider denkt über Sterbehilfe nach

Berlin. Es gibt Situationen, in denen ist nichts mehr abstrakt, sondern plötzlich alles konkret. Nikolaus Schneider, 66 Jahre alt, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und damit Repräsentant von mehr als 23 Millionen Protestanten, ist derzeit in einer solchen Situation: Seine Frau Anne (66) ist schwer an Brustkrebs erkrankt; Schneider zieht sich deswegen im November vom Ratsvorsitz zurück. Von Frank Vollmer

Dem "Stern" hat er jetzt Sätze gesagt, die ebenso anrührend wie erschütternd sind: Er würde seine Frau auch in die Schweiz zur Sterbehilfe begleiten, wenn sie "das Geschenk des Lebens an Gott zurückgeben" wolle. Er würde jedoch alles versuchen, seine Frau "für einen anderen Weg zu gewinnen". Klar sei aber, "wenn es aufs Sterben zuginge": "Für Anne würde ich auch etwas gegen meine Überzeugung tun."

So unerhört die Lage ist, so typisch sind diese Sätze für den Duisburger Stahlarbeitersohn Schneider. Pragmatismus geht ihm im Zweifel stets über Glaubenssätze, oder theologisch gesagt: Diakonie vor Theologie. Überraschend sind Schneiders Gedanken zur Sterbehilfe nicht - bereits 2012 bekannte er vor dem Kirchenparlament der EKD ganz offen: "Wenn ein Mensch intensiv darum bittet, dann mache ich mir nach der reinen Lehre auch die Hände schmutzig." "Ein Mensch" - das ist jetzt die Frau, mit der Nikolaus Schneider seit 44 Jahren verheiratet ist.

Nichts mehr abstrakt, alles konkret - in der Lage waren die Schneiders schon einmal: 2005 starb ihre jüngste Tochter Meike an Leukämie, nach langem Kampf, mit 22 Jahren. So offen und öffentlich, wie sie jetzt mit Anne Schneiders Krankheit umgehen, haben beide auch den Tod der Tochter thematisiert. Nikolaus Schneider hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er keine theologisch befriedigende Antwort darauf gefunden hat. Sätze wie "Gott prüft uns" trügen jedenfalls nicht, hat er jetzt bekräftigt: "Mit dieser Art göttlicher Pädagogik kann ich nichts anfangen."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Scheidender EKD-Ratsvorsitzender: Nikolaus Schneider denkt über Sterbehilfe nach


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.