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Nina Zacher leidet an ALS
Eine Frau stirbt öffentlich

Nina Zacher leidet an ALS: Eine Frau stirbt öffentlich
Lachend und ungebeugt will Nina Zacher in Erinnerung behalten werden. FOTO: Saitenverhaeltnisse.de
München. Bei Facebook beschreibt Nina Zacher unbegreiflich souverän, wie es ist, an ALS zu leiden und zu sterben. 38.955 Menschen nehmen daran Anteil - und versuchen, in Worten und Emojis zu antworten. Von Jens Voss

Alle ihre letzten Posts klingen endgültig. Keine Koketterie; diese Frau wird bald sterben. Sie leidet an der Nervenkrankheit ALS im Endstadium, sie wiegt 35 Kilogramm, ihre Muskulatur ist weitgehend gelähmt; sie kann kaum noch atmen, nicht mehr schlucken – ihr wird Wasser unter die Haut gespritzt, damit sie nicht verdurstet. Es ist ein elender, ein schrecklicher Tod. Sie muss dem Verfall ihres Körpers bei wachem Geist und fühlender Seele zuschauen. Nina Zacher erzählt davon bei Facebook, und mindestens 38.955 Menschen hören ihr erschüttert zu.

Wahrscheinlich sind es sogar noch viele mehr, denn die Beiträge werden von ihren Facebook-Freunden vielfach geteilt. "Nochmal ein paar Augenblicke ein bisschen abgelenkt, freudig überrascht und glücklich sein, das haben einige von euch geschafft", schreibt sie in ihrem jüngsten Beitrag.

Nina Zacher ist 46 Jahre alt. Als ihre Krankheit 2012 ausbrach, traf die eine gutaussehende, lebenslustige Mutter von vier Kindern, Wirtin des Münchner Ausflugslokals Emmeramsmühle, mitten im Skiurlaub. Zacher hatte plötzlich undefinierbare Schmerzen im Daumen. Sie fing an zu googlen und kam selbst auf den schrecklichen Verdacht, eine gnadenlose Krankheit zu haben, die für die Betroffenen ein Martyrium bedeutet: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS.

Sie hält die Balance und bleibt Herrin der Erzählung

Zacher ging von Anfang an offensiv mit ihrer Krankheit um, um sie bekannt zu machen, für Forschung gegen diesen Feind der Menschheit zu werben, für Verständnis, wohl auch: um sich nicht allein zu fühlen. Einmal klagt sie, wie allein sie in Wirklichkeit ist, obwohl umsorgt und umhegt von Mann und Kindern, obwohl medizinisch betreut, obwohl, obwohl, obwohl. Trotz allem, so wurde deutlich, ist der ALS-Kranke wie wohl jeder Todkranke oft in einer Höhle, in der es nur Stille und die Unerbittlichkeit des Leidens gibt.

Es gibt viele Medienberichte über Nina Zacher. Sie war bei Markus Lanz, das Video ist noch bei Youtube zu sehen. Sie hat ihrem Mann einen Abschiedsbrief geschrieben, er hat auch geantwortet – alles öffentlich, und stets waren viele tausend Menschen gerührt. Warum? Nicht nur weil ihr Schicksal so hart ist.

Zu lesen, was diese Frau schreibt, ist ebenso erschütternd wie fesselnd. Zum einen trifft den Leser jedesmal mit Wucht ein Memento mori: Die Krankheit traf diese schöne Frau mitten in einem erfüllten Leben, das Ganze mutet an wie ein kalt arrangiertes Lehrstück zu dem Liedvers "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen".

Zugleich aber bleibt Nina Zacher in ihren Sätzen auf schwer beschreibliche Weise Herrin der Erzählung: Mal berichtet sie nüchtern, mal klagt sie, mal ist sie melancholisch, mal hadert sie, mal ist sie erfüllt von dem Guten, das sie erlebt hat. Doch immer ist Souveränität im Ton spürbar. Sie jammert nicht, wenn sie klagt. Sie übertreibt nicht, wenn sie von Glück spricht. Sie wird nicht maßlos in ihrer Wut, wenn Menschen sie enttäuscht haben. Es mag seltsam klingen, weil wie ein ästhetisches Urteil, aber: Sie, die da von ihrem schrecklichen Verfall erzählt, tut es in einer Sprache, die die Balance aus Distanz, Nüchternheit und tiefen Gefühlen wahrt.

Die Krankheit treibt sie nicht vor sich her, sie wirkt nicht außer sich vor Kummer und Not, sie wirkt wie jemand, der eine Bürde ächzend, klagend, sinnierend und langsam niedersinkend trägt, aber trägt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ihr so viele folgen.

Wie Worte finden an eine Sterbende?

Vielen Facebook-Kommentaren fehlt diese Balance; es sind anrührende Versuche, den richtigen Ton gegenüber einer Sterbenden zu finden. Da wimmelt es von Herzchen, von Küsschen, von "Ich drück dich", von Symbolbildern wie einem Schiff, das in den Sonnuntergang fährt, von Kerzenlichtern, von Emoticons, die als gelbe Symbolbildchen Liebe ausdrücken sollen. Man sieht all das, fühlt das Unzureichende und weiß sich selbst als Teil dieses Unzureichenden. Wie soll man Worte finden an eine Sterbende?

Berührend ist auch dies: Gott kommt im Facebook-Universum kaum vor. Hier wird ohne einen Herrn der Welt getrauert und getröstet. Man neigt zu der Vermutung: nicht aus Gottlosigkeit, sondern aus letzter Scheu vor diesem Wort. Nina Zacher erwähnt, dass es auch Menschen gibt, die für sie beten; selten bis nie ist davon in Kommentaren die Rede, meist bleibt es bei vagen Hinweisen auf ein nie benanntes Jenseits: Du gehst voran, wir kommen nach. Wohin, zu wem? Metaphysische Sehnsucht lebt, aber sie hat keine klare Adresse mehr. So ist auch die Sprache derer, die Nina Zacher etwas Tröstliches sagen wollen: ohne den Halt, den Rituale wie Gebete geben; es ist ein Tasten nach Worten und Bildern. Nicht ein Herzchen, sondern viele. Nicht ein Emoticon, sondern viele. Überbordende Bekenntnisse, die immer wieder in Worte wie "unfassbar" und "absolut" münden.

Am Montag hat Nina Zacher ihrem bislang letzten Post das Foto einer blühenden Rose beigefügt. Der Text endet mit den Worten: "Seid ganz lieb umarmt und wir sehen uns wieder . . . ich gehe nur schon mal vor." Ein Gebet ohne den Namen Gottes. Aber was heißt das schon.

Er wird dennoch zuhören.

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