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Brief eines Flüchtlings
Nirgendwo willkommen

Brief eines Flüchtlings: Nirgendwo willkommen
Der libysche Autor Salah Ngab lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Seiner Verzweiflung, nirgendwo in Frieden und ohne Anfeindungen leben zu können, äußert er in einem Brief an die Erde Ausdruck. FOTO: Martin Ferl
Der libysche Schriftsteller Salah Ngab flüchtete vor zwei Jahren nach Deutschland. In einem offenen Brief klagt er über Hass, der ihm nicht nur in seiner alten, sondern auch in der neuen Heimat Düsseldorf entgegen schlägt. Von Salah Ngab

Lieber Planet Erde,

ich bin mir sicher, dass du meinen Namen nicht kennst. Du wirst dich sicher auch nicht darum kümmern, meine Lebensgeschichte zu erfahren. Warum auch? Es ist mathematisch unmöglich, die Zahl der Menschen zu berechnen, die seit Anbeginn der Zeiten auf deinem gekrümmten Rücken lebten. Ich bin einfach nur einer von ihnen.

Der libyische Mathematiker Erastothenes war der erste Gelehrte der Antike, der den Erdumfang genau bestimmt hat. Sicher kennst du Libyen gar nicht, das auf der Landkarte nur ein schmerzloser Kratzer auf deiner Oberfläche ist, und ich mache dir deswegen keine Vorwürfe. Zahlreiche Menschen kennen das Land nicht, und diejenigen, die es kennen, meist nur wegen des libyschen Oberst Muammar Gaddafi aus den Nachrichten. Aber lass mich dir meine Geschichte erzählen.

Schlichtweg bin ich nur ein nackter Affe, der einmal fliegen konnte. Ich bin zwar wie alle anderen, doch ich wurde im falschen Land geboren. Während Engländer, Norweger und Amerikaner ganz natürlich in Frieden ihre Kinder großziehen können, wurde meine Heimat angegriffen. Ich lebte die Hälfte meines Lebens in Nordafrika und schaffte es zu fliehen, um hoffentlich die andere Hälfte meines Lebens in Frieden zu leben.

Vor zwei Jahren bin ich mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen. Ich kam legal her, nachdem man mir in Berlin ein Visum für Schriftsteller ausgestellt hatte, wie es mehrere meiner libyschen Freunde auch bekamen. Ich hatte mehr Glück als viele andere aus meinem Herkunftsland.

Doch diese Reise hat mich meine Fähigkeit zu sprechen gekostet – ich wurde stumm. Die zweieinhalb Sprachen, die ich beherrschte, brachten mich in Deutschland nicht weit. Weder Arabisch noch Englisch, und natürlich auch nicht meine "halbe” Sprache Libysch, meine Muttersprache, die in den 90er Jahren unter Gaddafi nicht gelehrt werden durfte. Eine schwere Bürde für einen Schriftsteller. Sonst hat sich in meinem Leben nichts geändert, außer, dass die Zeit hier schneller vergeht und der Lärm hier lauter ist, wenn wir von den fliegenden Kugeln und den Selbstmordattentaten in meinem Mutterland absehen.

Vor ein paar Wochen war ich in Neuss nachts auf einer Allee spazieren. Dort hörte ich eine Frau von der gegenüberliegenden Straßenseite mit hoher, spitzer Stimme schreien. Ich konnte ihre Worte nicht verstehen, aber ihre Stimme war hasserfüllt. Sie hat mich verflucht, so habe ich ihre Schreie verstanden. Das macht mich ratlos.

Ich schreibe meinen Brief auch an die Opfer des libyschen Bürgerkriegs vor 100 Jahren. Denn ich habe den Eindruck, dass sich die Geschichte wiederholt: Die heutigen Libyer haben beschlossen, diesen mit denselben Details zu wiederholen und erneut einen Krieg zu führen. Heute herrscht in meinem Land erneut Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Stämmen - in ähnlichen Koalitionen wie damals 1930.

Lieber Planet Erde, weißt du, dass der Mensch, der sich für die klügste Kreatur auf Deinem gewölbten Rücken hält, genügend Dummheit besitzt, um seine Fehler zu wiederholen und dabei hofft, diesmal werde es anders ausgehen? Ich meine die Zeit in Deutschland, als Nationalsozialisten die Macht in diesem Land hatten. 80 Jahre später sehe ich, wie sich 13 Prozent der Deutschen wieder dafür entscheiden, Rechtsradikalen ihr Schicksal in die Hand zu geben. Dabei müssten sie es doch besser wissen. Liebe 13 Prozent, ich schreibe auch an euch.

Sechs Millionen Juden sind im Holocaust damals umgekommen. Das entspricht der  Bevölkerung von ganz Libyen, oder anders ausgedrückt: Diese Zahl entspricht der Gesamtbevölkerung von Ländern wie Malta, Zypern, Bahrain, Guinea-Bissau, Gabun und Kosovo zusammen.

Es ist schon seltsam. Ich bin aus dem Bürgerkrieg geflohen sowie vor der Verfolgung der arabischen und libyischen Nationalisten, der Salafisten, vor religiösen Rechtsextremen in Libyen, um mich nun von Slogans der Rechtsnationalen in Deutschland umgeben zu finden.

Evolution hat überall stattgefunden. In Form der Dampfmaschine, der Eisenbahn und der Verwendung von Mineralien. In der Krankenversicherung, in Tageszeitungen und Heizungen, in Penicillin, Wein, Heiligen Büchern und Damenbinden, aber eine Sache hat sich anscheinend leider nicht weiter entwickelt. Es sind die Menschen selbst.

Beispiele gefällig? Ich war einmal im Zentrum von Tripolis spazieren, um mich plötzlich in einem verlassenen Bauernhaus mit einem geheimen Gefängnis wiederzufinden, wo mich Leute, die ich nicht kannte, folterten. Eine bewaffnete Gruppe hatte mich in der Innenstadt bedroht und gezwungen, mitzugehen. Man warf mir vor, ich hätte versucht, die Revolution zu bekämpfen, indem ich religionskritische Texte verfasste und veröffentlichte. Eine Frau im Nebenzimmer wurde von mehr als zehn Leuten gefoltert und dann mit einem Stromschlag getötet. Wie durch ein Wunder habe ich es geschafft, von dort zu entkommen.

Ein anderes Mal – diesmal in meiner neuen Heimat Deutschland - ging ich in einer Nebenstraße in der Stadt Hilden alleine spazieren und hörte dabei Musik über meine Kopfhörer, da begann ein weißer Mann aus der Ferne, mich anzuschreien. Er schrie und hob den Mittelfinger in meine Richtung. Was er gesagt hat, habe ich nicht verstanden.

Erinnerst du dich, als ich dir erzählt habe, dass ich die Fähigkeit zu reden verloren habe, nachdem ich nach Deutschland kam? Zu dieser Zeit gab es jeden Montag Demonstrationen, die die Ausweisung von Ausländern aus Deutschland forderten. Weil diese Menschen dachten, wir kämen, um ihren Wohlstand, ihre Wohnungen und Jobs wegzunehmen und ihre Frauen zu vergewaltigen. Dabei wollen wir nichts mehr, als am Morgen aufzuwachen, ohne zu befürchten, am Abend nicht mehr da zu sein, um unseren Kindern ihre Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen.

Meine geschilderten Erlebnisse haben eine Gemeinsamkeit: Ihre Quelle ist der Hass, der keinen Grund braucht. Ich habe die Leute, die mich verflucht oder misshandelt haben, nie zuvor getroffen. Das erste Mal wurde ich wegen meiner Meinung entführt. Beim zweiten und dritten Mal wurde ich beleidigt und verflucht, vermutlich wegen meiner Hautpigmentierung, welche bloß eine Farbe ist. Es wäre untertrieben zu sagen, dass es mich nur traurig macht.

Lieber Planet Erde, wir alle auf deinem gewölbten Rücken sind Ausländer. Niemand kann mit vollkommener Sicherheit sagen, dass er über viele Generationen und Jahrhunderte nur einer Nationalität angehörte. Du bist vor unserer Existenz vor mehr als viereinhalb Milliarden Jahren geboren, und es ist offensichtlich dumm, wenn jemand sagt, dass ein Ort auf deinem Rücken sein Eigentum sei. Wir sind hier alle nur zu Besuch.

Alter Freund, denkst du, dass es einen Platz auf deinem gekrümmten Rücken gibt, wo ich meine Meinung sagen und meine Gesichtsfarbe zeigen kann, ohne Angst zu haben?

Bitte sag mir nicht, dass dies erst im Grab möglich ist. Ich glaube nicht dem Sprichwort, das sagt: "Die glücklichen Menschen sind die Toten". Ich bin nicht wie Simon von Cyrene, der Libyer, der für Jesus das Kreuz getragen hat. Obwohl wir vom selben Ort stammen und denselben Gott anbeten, will ich nicht das Kreuz der Menschheit an seiner Stelle tragen.

Ich glaube auch nicht, dass der Zufall des Geburtsortes irgendeinen von uns berechtigt zu sagen, er habe ein Anrecht auf dieses Land. Hältst Du es nicht auch für dumm, wenn jemand an einem bestimmten Ort auf deinem Rücken eine bestimmte Religion oder Ideologie ausgerufen hat, die andere ausschließt?

Diejenigen, die sagen, dass Deutschland christlich sei, Saudi Arabien muslimisch, oder Israel jüdisch, sind dabei, nicht nur ein ganzes Stück von deinem Rücken zu stehlen, sondern auch künftigen Generationen das Recht zu rauben, in Frieden und ohne Vorurteile leben zu können.

Lieber Planet Erde, nicht zuletzt aufgrund der Naturgesetze und meiner geringen Größe im Vergleich zu dir habe ich keinen anderen Ort, an dem ich leben kann. Aber ich kann träumen und mich an Gott wenden. Was ist am Experiment der Schöpfung falsch gelaufen? Am liebsten würde ich einen anderen Planeten zum Leben finden. Denn was auch immer sich in den vergangen Jahrtausenden auf diesem Planeten geändert hat, am Wichtigsten mangelt es am meisten: Menschlichkeit.

In Liebe,

Salah Ngab

 
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