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NRW-Politiker Joachim Stamp verfolgt neue Theorie
Zeichnete der NSU mit Morden seinen Schriftzug nach?

NSU: Zeichnete das Terrortrio mit den Morden seinen Schriftzug nach?
In einer Karte zeichnete das Team von Joachim Stamp die Tatorte des NSU nach. FOTO: FDP Joachim Stamp
Düsseldorf. Als die Mitarbeiterin des FDP-Landtagsabgeordneten Joachim Stamp die NSU-Tatorte auf der Landkarte betrachtete, wurde sie stutzig. Sie ließen sich im Groben so verbinden, dass sie das Logo der Terrorzelle abbildeten. Die abenteuerliche Theorie würde eine der Kernfragen in den Ermittlungen beantworten, weist aber erhebliche Schwächen auf. Von Philipp Stempel

Im Grunde war es eine Zufallsentdeckung. Das Thema NSU beschäftigt das Team des NRW-FDP-Vizes Joachim Stamp schon lange, der Abgeordnete ist Mitglied im NSU-Ausschuss des Landtags. Er und seine Mitarbeiter waren auf der Suche nach einer Erklärung für die Mordserie. Warum mordete der NSU scheinbar willkürlich kreuz und quer durch die Republik an diesen Orten?

Seine Büromitarbeiterin hatte auf einer Karte die Orte eingezeichnet, an denen sich die Morde ereigneten, die Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zugeschrieben werden. Dabei prüfte sie verschiedene Varianten – und bemerkte die Parallelen zum runenartigen Schriftzug des Terror-Trios. Mehrfach hatte es das Logo in Bekennervideos gezeigt.

Es zeigt ein stilisiertes 'U', dessen linke Senkrechte in ein gezacktes 'S' übergeht. Stamps Mitarbeiterin gelang es erstaunlich leicht, die Konturen auf der Karte nachzuzeichnen. Von Köln über Dortmund in den Norden bis nach Hamburg, dann südlich bis nach Heilbronn, Richtung Osten bis München, dann wieder aufwärts über Nürnberg, Kassel bis nach Rostock.

FDP-Vize Joachim Stamp hat eine neue Theorie zur Abfolge der NSU-Morde entworfen. FOTO: dpa, Marius Becker

Es braucht schon Phantasie, um beim bloßen Betrachten der Verteilung der Tatorte den Schriftzug zu identifizieren. Doch einmal eingezeichnet, entwickelte die Theorie Dynamik. Erst recht, wenn man auch die Nagelbombenattentate von Köln und den Polizistenmord von Heilbronn in die Zeichnung einfügt. Auch sie passen in das Muster.

Sollten die Terror-Nazis tatsächlich einer so irrwitzigen Idee aufgesessen sein? "Das würde zum Größenwahn des NSU passen", sagt Stamp auf Nachfrage. Gerade Nazis hätten eine Vorliebe für Symbolik. Möglicherweise auch für ein Terrorlogo auf der Deutschlandkarte.

Nüchtern betrachtet sprechen einige Punkte gegen die Logo-Theorie. Die Chronologie der Morde entspricht nicht der Linienführung. Außerdem können acht Punkte auf einer Karten in endlos vielen Varianten miteinander verbunden werden. Der Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter gilt zudem als Zufall.

Chronologie: Stationen des NSU-Terrors FOTO: dpa, Frank Doebert

Der wichtigste Einwand aber: Ein Tatort fehlt. Dort, wo sich der mittlere Punkt des gezackten 'S' befinden müsste, im Raum zwischen Magdeburg und Berlin, ist nichts verzeichnet. Doch einmal auf die Spur gesetzt, stellten Stamp und seine Mitarbeiter nun die Frage: Haben die Ermittler möglicherweise einen Mord übersehen oder falsch zugeordnet? Möglicherweise gab es auch lediglich Pläne für ein Verbrechen in diesem Gebiet.

Stamp und seinen Mitarbeitern ist bewusst, dass es sich bei ihren Beobachtungen auch um reinen Zufall handeln könnte. "Wir sind keine Verschwörungstheoretiker", sagt Stamp. Die entdeckten Parallelen bewertet er jedoch als "so frappierend, dass sie seriös geprüft werden sollten". Am Sonntag informierte er daher per E-Mail den Generalbundesanwalt und das Gericht in München.

Immerhin könnte die Karte eine Antwort auf eine der rätselhaftesten Fragen im ganzen Ermittlungsverfahren liefern. Bisher hat niemand erklären können, warum der NSU ausgerechnet an diesen acht Orten zuschlug.

Die Theorie der gezielten Platzierung der Morde stößt auch bei Fachleuten auf Resonanz. So hält etwa Holger Schmidt, Terrorexperte der ARD, die Sache für zumindest so beachtlich, dass er sich in seinem Blog damit befasste. In seinem Beitrag weist er auf eine Parallele aus dem Bekennervideo hin, die auch Stamps Mitarbeiterin ins Auge gesprungen war: Der Film zeigt eine Karte der Bundesrepublik mit dem NSU-Schriftzug rechts daneben, darüber der Titel "Deutschlandtour". Möglicherweise ein Wink mit dem Zaunpfahl, so Stamp.

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