Trauern: Nur vom Tod geschieden
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 23.10.2010 - 13:02Düsseldorf (RP). Große alte Paare geben uns eine Ahnung davon, was es heißt, den Bund fürs Leben zu schließen. Der Tod von Loki Schmidt ruft uns in Erinnerung, welche Vorbilder uns solche Paare sein können.
Jeder christlichen Trauung ist gleich am Anfang ihr Ende eingeschrieben. Dem meist jungen Paar – frisch verliebt, voller Zuversicht und zukunftssüchtig – wird vor dem Traualtar ein Blick aufs bittere Finale gewährt: "Bis dass der Tod euch scheidet", heißt es in der liturgischen Formel zur Eheschließung.
Hört man solche Worte in dieser heiteren Stimmung überhaupt? Vielleicht. Begreift man sie aber auch? Wohl kaum.
Diese paar Worte sind keine verstörende Spaßbremse. Im Gegenteil: Sie dokumentieren etwas Großes, eine Liebe, die unbedingt ist. Denn sie besteht auf einer Treue, die erst mit dem Leben endet. Ein größerer Liebesbeweis ist nicht vorstellbar. Wer diese Worte spricht, nimmt Ehe ernst und weiß, was es auf sich hat, den Bund fürs Leben tatsächlich zu leben.
Ist das nicht etwas zu viel Pathos und zu "pastoral" gedacht für eine Zweisamkeit, die doch immer seltener unserer Lebenswirklichkeit entspricht? Fast 200 000 Ehepaare wurden zuletzt in Deutschland pro Jahr geschieden. Der Bund fürs Leben währte durchschnittlich kaum 14 Jahre.
Auch darum sind es vor allem die großen und alten Paare, die mehr als nur das Vorbild eines geglückten Lebens sind: Sie geben dem Ehebund seine Wahrheit zurück. Vielleicht sind wir deshalb so ergriffen, wenn der Tod diese Paare auseinanderreißt. Wenn die Existenz des einen fortan die Absenz des anderen dokumentiert. Mit dem Sterben bleibt eine Leerstelle zurück, die – man ahnt es – nicht mehr zu füllen sein wird.
Seien wir ehrlich: Den Tod Loki Schmidts betrauern wir. Aber ihm haftet nichts Tragisches an: 91 Jahre wurde sie alt, und sie hat ein erfülltes, in großen Teilen bewegtes und aufregendes Leben führen dürfen. Ihr Tod erzählt aber auch das Ende einer 68 Jahre währenden Ehe; ihr Tod wird gespiegelt in dem, der im Leben zurückbleibt, in Kanzler a.D. Helmut Schmidt. Loki Schmidts Tod hat eine große Ehe zerrissen.
Was das heißt? Wir alle pochen permanent auf unsere Selbstständigkeit, auf unsere Individualität und natürliche Unverwechselbarkeit. Das sind identitätsstiftende Ansprüche, die in der Partnerschaft an Rigorosität verlieren. Wie oft spüren wir, dass es den anderen gibt, der hilft, einem zur Seite steht oder einfach nur da ist. Dieser Bund gibt uns die Chance, von uns selber abzusehen. Unser Ego verliert an Gewicht; auch das macht vieles leichter. Eine gelebte Partnerschaft ist ein formidabler Lehrmeister in Altruismus.
Es gehört zum Episodischen langer Partnerschaften, dass sich die "Teilnehmer" dieses Lebensexperimentes immer ähnlicher werden. Das ist erforscht: Nach vielen Jahren der Gemeinsamkeit soll die Häufigkeit steigen, mit der die Paare dieselbe politische Partei unterstützen. Vielleicht aber finden sich die wahren Ursachen für eine solche Verhaltensauffälligkeit nicht so sehr in der Psychologie, dafür umso mehr in der Sorge um den häuslichen Frieden. Kaum mehr als eine nette Begleitmusik ist auch die Studie New Yorker Psychologen, die bei Langzeitpaaren eine Hirnaktivität messen konnten, die jener von frisch Verliebten ähnlich war.
Solch tiefe Zweisamkeit ermuntert bisweilen auch zur stillen Bitte, wenn es denn so weit ist, als Erster aus dem Leben scheiden zu dürfen. Weil man dem anderen ein paar Jahre mehr gönnt und weil man sich selbst die Trauer über den Verlust schenken möchte. Es gibt auch andere Wünsche – etwa: gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Das ist bei einem natürlichen Tod allenfalls ein Wunsch. Die Wirklichkeit meint es fast immer anders. Doch es gibt Paare, die solches Schicksal selbst in die Hand nehmen, um gemeinsam aus dem Leben scheiden zu können. Das Ehepaar Brauchitsch ist so ein Fall. Beide – 83-jährig – wählten nach 58 Ehejahren den Freitod.
Und wir, die davon hören, sind gleichermaßen berührt wie irritiert. Die Realität hat keinen Sinn für diese letzte Romantik. Sie bleibt unberechenbar, schätzt die Ungleichzeitigkeit. Mit bisweilen bitteren Folgen: Aus dem Leben wie aus der Literatur wissen wir, dass oft Männer in den Tod vorangehen. Dem gewaltsamen Tod von Tristan und Romeo aber folgen umgehend Isolde (gramgebeugt) wie auch Julia (verzweifelt).
Das sind freilich hochdramatische Entleibungen, die im Alltag des Verwitweten keine Entsprechung finden. Das Theatralische hat nichts zu tun mit der plötzlichen Einsamkeit des Zurückgebliebenen, mit dem irgendwie gestörten Tagesablauf und der unvorstellbaren Leere der Wohnung, der fehlenden Ansprache und dem Ende all der kleinen und all der lieben Rituale.
"Bis dass der Tod euch scheidet" – vielleicht kann niemand die Tiefe dieses Satzes besser ergründen und erspüren als der Zurückgebliebene. Und der Trost? Vielleicht ist es ja der Mythos von Philemon und Baucis, die sich nach ihrem Tod in eine Eiche und eine Linde verwandeln. Und deren Äste greifen über die zwei Grabstätten hinaus ineinander. Ein kleiner Sieg.
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