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Weihnachten
Ochse mit drei Beinen

Eine Holzkrippe im Detail
Eine Holzkrippe im Detail FOTO: Bauer
Düsseldorf. An Weihnachten suchen die Menschen Gemeinschaft. Wir stehen an der Krippe, um unsere Sehnsucht zu befriedigen. Denn das Vertraute macht Geborgenheit aus. Besonders an diesen Tagen. Gedanken zu Heiligabend. Von Horst Thoren

Unsere Familienkrippe ist windschief, der einst goldgelbe Stern längst verblasst, der Ochse hat nur noch drei Beine. Ein Bild der Unvollkommenheit. Und doch steht die Familienkrippe für das wunderbare, von allen ersehnte Gefühl der Geborgenheit. Uns zieht es nach Hause.

Wir suchen, was dereinst Hirten und Könige in Bethlehem gefunden haben - Gemeinschaft. Wir stehen an der Krippe, um uns satt zu sehen, um unsere Sehnsucht zu befriedigen, um (zumindest bildlich) zu erfahren, was Glück ist. Ein Gottesgeschenk. Und doch fühlt sich  manch einer enttäuscht. Ist da nicht mehr drin?
 
Den Glauben an Nikolaus und Christkind habe ich früh verloren. Zumindest, was die Geschenke anbelangt, die die beiden angeblich den Kindern bringen. Bereits als Knirps habe ich erkannt, wo das herkommt, was unterm Tannenbaum liegt. Aus Mamas Laden! In dem kleinen Geschäft auf dem Land kauften die Mütter und Omas aus der Nachbarschaft ein, was meine Freunde dann später auf ihrem Gabentisch fanden. ( Ich wusste es also schon vorher, habe aber nie etwas verraten...) So einfach war das also, mit der Erfüllung der Wunschzettel! Und doch blieben Zweifel. Ging das wirklich immer und bei allen so?
 
Ich erinnere mich ganz genau. Da lag Schnee vor der Tür und am Weihnachtsmorgen stand im Wohnzimmer das passende, ersehnte Geschenk - ein Rodelschlitten. Vater, der meine Neugierde kannte, fragte. "Na, wo kommt denn wohl der Schlitten her?" Meine schnelle Antwort "Aus dem Laden!". Denn dort hatte seit Tagen schon ein entsprechendes Rutschgefährt gestanden, das ich immer wieder bewundernd umrundet hatte. Ich wurde in den Laden geschickt, um nachzuschauen und war bass erstaunt. Der Schlitten war noch da! Die Zweifel wuchsen! Er ist ja Teil der gemeinsamen Tradition!: Bringt also doch das Christkind die Geschenke?
 
Heute weiß ich: Weihnachten ist insgesamt ein Geschenk Gottes an uns Menschen. Und wenn wir in seinem Sinne schenken, geben wir - jenseits des materiellen Wertes - etwas von uns selbst. Häufig reicht eine kleine Überraschung, eine symbolhafte Geste, die zeigt, dass wir an einander denken und mit einander fühlen. Das Mit-Gefühl gehört zu den stärkenden, zu den wirklich wertvollen Gaben, die wir nicht nur zu Weihnachten dringend brauchen! Die Bereitschaft, unsere Aufmerksamkeit spürbar auf den Mitmenschen zu richten – uns über ihn und seine Wünsche Gedanken zu machen, ist tragender Teil der frohen Botschaft, die uns die Weihnachtsgeschichte vermitteln will.
 
Wer Geborgenheit und Anlehnung sucht, findet sie nicht in der Einsamkeit, sondern am ehesten bei Mitmenschen, die ohne ihn allein wären. In einer globalisierten, zunehmend anonymisierten Gesellschaft, ist fühlbare Nähe ein starker, häufig unerfüllter Wunsch. Die Suche nach dem "Familiären" (durchaus im weitesten Sinne) ist eine Reaktion auf die technokratische Kältewelle, die das Emotionale oftmals überspült. Deshalb zieht es uns alle zu Weihnachten nach Hause, an die Krippe - mag sie auch noch so windschief sein. Das Vertraute macht Geborgenheit aus. Rituale vermitteln Sicherheit.

In unserer Familie hat jeder seinen Platz. Auch der Ochse mit den drei Beinen, der irgendwo im Hintergrund der Krippe versteckt ist. Trotz seines Makels gehört er unbedingt dazu! Als liebgewordenes Mosaiksteinchen unserer Tradition! Bei seinem vertrauten Anblick werden Erinnerungen wach. An die Kindheit, die Jugend – das gemeinsam Erlebte. Und unwillkürlich sind da auch die Gedanken an die Lieben, die nicht mehr unter uns sind… Gerade jetzt fehlen sie uns!

Und die uns - oh Wunder der Frohen Botschaft! - jetzt ganz besonders nah sind. So, wie meine vor kurzem verstorbene Mutter.  Ganz deutlich höre ich sie singen: "Oh, du fröhliche ..."
 
In diesem Sinne: Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

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