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Eltern sprechen erstmals im Interview: "Ohne Mirco ist es so still"

zuletzt aktualisiert: 18.04.2011 - 09:51

(RP). Am 3. September 2010 wurde der zehnjährige Mirco aus Grefrath entführt, missbraucht und getötet. Fünf Monate später wurde der Täter gefasst. Im Interview mit unserer Redaktion erzählen die Eltern des Jungen erstmals über Mircos Verschwinden, die dramatische Suche und ihre Gefühle.

Mircos Stuhl am Esstisch im Wohnzimmer der Familie bleibt leer. An der Wand hängen Bilder von und für Mirco sowie das Fahndungsflugblatt der Polizei. Am Tisch hat Mirco mit dem Besteck geklappert. Jetzt ist es oft still.  Foto: RP, Andreas Bretz
Mircos Stuhl am Esstisch im Wohnzimmer der Familie bleibt leer. An der Wand hängen Bilder von und für Mirco sowie das Fahndungsflugblatt der Polizei. Am Tisch hat Mirco mit dem Besteck geklappert. Jetzt ist es oft still. Foto: RP, Andreas Bretz

Die Eltern des getöteten Mirco Schlitter aus Grefrath am Niederrhein haben sich erstmals nach der Verhaftung des mutmaßlichen Täters im Januar 2011 ausführlich zu Wort gemeldet. Die Mutter Mircos, Sandra Schlitter, äußerte in einem Interview mit unserer Redaktion Mitleid mit der Familie des Täters.

Frau Schlitter, Herr Schlitter, wir sitzen in Ihrem Wohnzimmer, an dem Tisch, an dem Sie als Familie gerne zu Mittag essen. Seit dem 3. September 2010 ist an dem Tisch ein Platz leer. Ihr Sohn Mirco kommt nicht mehr zurück.

Reinhard Schlitter Mirco war ein lebhafter Junge, das war seine Art. Er konnte nie die Hände still halten. Er hat immer mit dem Besteck geklappert. Es war am Tisch immer eine Geräuschkulisse da. Jetzt ist es oft so still.

Gab es in den vergangenen Monaten einen Moment, in dem Sie das Fehlen von Mirco besonders schmerzlich gespürt haben?

Sandra Schlitter Am 8. Januar bin ich 35 Jahre alt geworden. Das war ein ganz schwerer Tag für mich. Da habe ich mir vorgestellt: Wie werden die nächsten Geburtstage ohne Mirco? Mirco war jemand, der keine großen Geschenke gemacht hat. Er hat sich selbst geschenkt. Er hat immer gesagt: Mama, du hast doch mich. Und dann hat er mich gedrückt. Er hat uns gerne einfach mal in den Arm genommen. Das nie mehr zu bekommen, ist schlimm.

Was ist die letzte Begebenheit, der letzte Wortwechsel mit Mirco, an den Sie sich erinnern?

Sandra Schlitter (lächelt) Mirco ist bei mir bei der Arbeit gewesen und hat sich verabschiedet. Er wollte mit seinen Freunden ins Kino gehen. Ich habe an der Kasse gestanden (in einem Textildiscounter in Grefrath, die Redaktion) und er hat gesagt: Mama, ich fahre jetzt zu meinem Freund, wir gehen ins Kino nach Kempen. Und dann habe ich erwidert: Ja, viel Spaß euch, und sei pünktlich. Dieses "sei pünktlich" hat er schon gar nicht mehr richtig gehört, da war er schon draußen und hat sich auf sein Fahrrad geschwungen. Da habe ich nur noch Mirco seinen Weg ziehen sehen.

Reinhard Schlitter Weil ich immer früh zur Arbeit gehe, habe ich Mirco am Tag seines Verschwindens gar nicht mehr gesehen. Meine Erinnerung ist vom Vortag. Abends gehe ich zu den Kindern, bete mit ihnen oder kitzle und kraule sie, je nachdem, wie sie das haben wollen. Das wollten sie sehr gerne haben, auch der Mirco (lacht).

Wie oft besuchen Sie Mircos Grab? Fühlen Sie sich ihm dort besonders nahe?

Sandra Schlitter Nicht näher, als wenn ich jetzt hier zu Hause bin. Wir sehen die Grabstätte nicht als das Wichtigste an. Aber einmal in der Woche gehe ich hin und gucke, ob alles okay ist. Am Anfang hatte es mich einerseits geschockt, andererseits berührt, dass es so eine riesige Anteilnahme der Bevölkerung gab.

Kehren wir noch einmal zum 3. September 2010 zurück, der Tag, an dem Mirco verschwand. Wie ist dieser Abend aus Ihrer Sicht abgelaufen?

Sandra Schlitter Als ich merkte, allmählich wird es dunkel, habe ich die Mutter seines Freundes kontaktiert. Sie hat mir mitgeteilt, dass sie Mirco an der Skateranlage in Oedt gesehen hat und ihn aufgefordert hat, nach Hause zu fahren. Sie hat gesehen, wie er sich aufs Rad gesetzt hat. Da war für mich klar: Der kommt gleich, in paar Minuten ist er da. Weil ich an diesem Tag arbeiten war, war ich sehr geschafft. Ich habe zum Rest der Familie gesagt: Mama ist jetzt weg, im Bett, Mirco müsste gleich zur Tür reinkommen.

Reinhard Schlitter Manchmal sind die Kinder einfach rein, ohne uns zu sagen, dass sie wieder da sind. Für Mirco war das normal.

War das der Grund, warum Sie das Fehlen Mircos erst am 4. September morgens bemerkten?

Sandra Schlitter Richtig. Gegen acht Uhr morgens bin ich aufgestanden. Ich bin hoch in Mircos Zimmer und habe die Decke gesehen, die noch vom Vortag so verwuselt da lag. Kein Mirco im Bett. Ich habe gerufen, habe nachgefragt im Nachbarzimmer bei Alex, wo sein Bruder sei. Nein, habe ich nicht gesehen, sagte er. Ich bin runter in den Schuppen, habe da geguckt: Kein Fahrrad. Wir haben sein Handy angerufen, da sprang nur die Mailbox an. Dann habe ich die Eltern der Freunde kontaktiert, mit denen er unterwegs gewesen war. Doch es blieb dabei: Mirco fehlte. Ich habe dann schon befürchtet, dass etwas passiert ist.

Im Internet haben Menschen Unverständnis geäußert, dass ein zehnjähriges Kind spät am Abend alleine mit dem Fahrrad unterwegs ist und sein Verschwinden erst am Morgen danach bemerkt wird. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?

Reinhard Schlitter Wenn man bei diesen Äußerungen nachhaken würde, käme sicher heraus, dass vieles auch nur unbedacht gesagt worden ist. Ich sehe das nicht so, dass wir einen Fehler gemacht haben.

Machen Sie sich Vorwürfe?

Sandra Schlitter Wir haben von dem Zeitpunkt Mircos Verschwinden an gesagt: Mit gegenseitigen Schuldzuweisungen wollen wir uns nicht fertig machen.

Als Sie Mircos Verschwinden bemerkten, war Ihnen da klar, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein muss?

Sandra Schlitter Die Polizisten fragten mich: Was sagt ihr Mutter-Instinkt? Da habe ich gesagt: Der Mirco ist entführt worden.

Wie offen hat die Polizei mit Ihnen darüber gesprochen, wie sie die Lage einschätzt?

Sandra Schlitter Der Leiter der Soko, Herr Thiel, hat hier am Tisch gesessen und gesagt: Ich bringe Ihnen Ihr Kind, aber nicht mehr lebend. Das war für ihn Fakt. Da haben wir erst einmal geschluckt, weil wir ja noch Hoffnung hatten. Die Leute vom Opferschutz haben versucht, es auf eine andere Art und Weise rüberzubringen, ein bisschen sachter.

Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wie Sie damit umgegangen wären, wenn der mutmaßliche Täter aus Grefrath gekommen wäre?

Sandra Schlitter Es war unsere allergrößte Hausaufgabe, die wir von der Soko bekommen hatten, zu überlegen, welcher Nachbar, welcher Familienangehörige, welcher Bekannte ein Motiv hätte zu so einer Tat.

Die Polizisten haben berichtet, Sie hätten die Hoffnung nie aufgegeben, ja sogar den Polizisten Mut gemacht. Woher nehmen sie die Kraft?

Sandra Schlitter Ich habe mich jeden Tag hingesetzt, in der Bibel gelesen und gebetet. Ich habe mir meine Gitarre geschnappt und Gott in Liedern gepriesen. So bin ich groß geworden, das ist für mich praktisch gelebter Glaube. Als gläubige Christin habe ich eine besondere Gewissheit und Hoffnung.

Die Kar- und Ostertage stehen bevor. Sehen Sie sie vor dem Hintergrund des Schicksals von Mirco in einem anderen Licht?

Sandra Schlitter Als das Ergebnis da war und wir die Auszeit in Norddeich hatten, habe ich manches Mal da gesessen und gesagt: Wir haben Golgatha live erlebt. Da habe ich geheult wie ein Schlosshund. Aber wir wissen, dass wir Mirco wiedersehen.

Was empfinden Sie, wenn Sie an den mutmaßlichen Täter denken?

Reinhard Schlitter Es ist schwer, sich vorzustellen, dass jemand sich eine solche Tat nicht nur vornimmt, sondern sie auch umsetzt. Allein das Gericht wird entscheiden und fällt ein Urteil.

Inwieweit können Sie bei Ihrer eigenen Betroffenheit sehen, dass auch die Familienangehörigen des Täters zu Opfern geworden sind?

Sandra Schlitter Als ich erfahren habe, dass er Vater von Kindern und verheiratet ist, habe ich gedacht, dass er nicht nur eine Familie kaputt macht, sondern gleich zwei. Die arme Frau, habe ich gedacht, die hat jetzt fünf Monate lang mit diesem Mann gelebt, hat womöglich mit uns gebangt und von nichts eine Ahnung gehabt. Auch die Kinder tun mir unheimlich leid. Ihnen geht es fast noch schlimmer als uns.

Christian Heidrich führte das Gespräch mit Mircos Eltern.

Quelle: RP

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