Duisburger Morde: Organisiertes Verbrechen in NRW nimmt zu
VON DETLEV HÜWEL - zuletzt aktualisiert: 16.08.2007 - 09:58Düsseldorf (RP). Das Organisierte Verbrechen nimmt zu. Auch in Nordrhein-Westfalen, Schauplatz der blutigen Morde in Duisburg. Vor allem in Ballungszentren streben deutsche Banden und ausländische Clans nach Profit - und nach Macht. Auch die Mafia ist mit von der Partie. Spektakuläre Bluttaten wie in Duisburg bewerten Experten allerdings als eher untypisch.
Die Organisierte Kriminalität macht den Behörden in NRW zunehmend zu schaffen. 2006 wurde gegen 791 Tatverdächtige ermittelt, denen mehr als 3500 Strafttaten zur Last gelegt wurden - 6,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor. An erster Stelle stehen Rauschgiftschmuggel und -handel sowie Wirtschaftskriminalität. Gewaltkriminalität rangiert auf Platz drei, wobei Schutzgelderpressung dominiert.
Nach Angaben von Innenminister Ingo Wolf (FDP) weist die Organisierte Kriminalität in NRW starke internationale Bezüge auf, wobei Belgien und den Niederlande die Schwerpunkte sind. Voriges Jahr wurde gegen Tatverdächtige aus 35 Nationen ermittelt. Die meisten kamen aus Deutschland, gefolgt von Libanon, Türkei, Russland, Polen, Serbien/Montenegro und Italien. Kroatien und Marokko rangieren im unteren Bereich (siehe Grafik).
Die Mafia, auf deren Konto vermutlich die Bluttat von Duisburg geht, agiert in NRW zwar eher unauffällig, doch sie ist durchaus präsent. Das Landeskriminalamt (LKA) nennt als „klassische Organisationen“ die Cosa Nostra (ursprünglich in Sizilien verbreitet) und die süditalienische ’Ndrangheta, die auf Rauschgifthandel spezialisiert ist.
„Die Mafia dehnt sich immer weiter aus“, warnte unlängst der Buchautor Dagobert Lindlau. Sie setze vor allem Landsleute unter Druck. Bei „Hausbesuchen“ gäben sie vor, für in Not geratene Familien Spenden zu sammeln. Wer sich widersetze, bekomme die Härte der Geldeintreiber zur spüren. Lindlau: „Sie fangen zum Beispiel die Kinder von der Schule ab und nehmen sie für ein paar Stunden mit. Das ist eine deutliche Warnung.“
Nur selten „plaudert“ ein Mafioso. Wie jetzt ein italienischer Kronzeuge („Engelsgesicht“) im Düsseldorfer Drogenprozess gegen einen 38-jährigen Wuppertaler, genannt „Toni, der Zuhälter“. Von einem geheimen Ort in Italien aus belastete der Mafia-Killer per Video-Zuschaltung den Wuppertaler schwer. Der Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht dauert an.
An Rhein und Ruhr sind vor allem die großen Städte Zentren der Organisierten Kriminalität. Allerdings warnt das LKA vor schablonenhaften Zuordnungen, wonach etwa das Ruhrgebiet und weite Teile Ostwestfalens vorwiegend von osteuropäischen Banden kontrolliert würden, während im Raum Köln Türken vorherrschten. „Das kann man so eindeutig nicht sagen“, meint Thomas Jungbluth, Leitender LKA-Kriminaldirektor. Die Strukturen der Organisierten Kriminalität lägen im Verborgenen.
Doch die Analyse- und Auswertungsmethoden der Behörden, die national und international vernetzt sind, werden immer ausgefeilter. Und so kann die Polizei denn auch Erfolge vermelden. Im neuesten „Lagebild“ schildert das LKA dies am Beispiel einer Bande, die stattliche „Gewinne“ gemacht hatte mit Erpressung, Drogen-, Menschen- und Waffenhandel sowie mit Einbruch, Raub und Diebstahl. Ein Türke und ein Deutscher waren die Anführer der Gangster, die das Rotlichtmilieu im westlichen Ruhrgebiet aufmischten. Das Geld wurde in Immobilien, Diskotheken und Gaststätten angelegt. Es dauerte eine Zeit lang, bis die Polizei das Gewirr der Aktivitäten so weit entflochten hatten, dass zugeschlagen werden konnte.
Erst traf es die türkische Gruppe, bei der Schusswaffen und Vermögenswerte in Höhe von 5,5 Millionen Euro sichergestellt wurden. Dann konzentrierten sich die Fahnder auf den deutschen Bandenchef, der nach einem regelrechten „Rotlicht-Krieg“ auf die Todesliste der Türken geraten war. Voriges Jahr wurden 108 Durchsuchungen vorgenommen. Dabei konnten Bargeld in Höhe von 215000 Euro, wertvoller Schmuck, eine Yacht im Wert von zwei Millionen Euro und elf teuere Autos sichergestellt werden. Der Deutsche wurde unlängst in Essen zu einer langen Haftstrafe verurteilt.
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