St. Augustin: Pannen beim Amok-Einsatz
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 13.05.2009 - 07:51Sankt Augustin (RP). Nach dem vereitelten Brandanschlag auf ein Gymnasium in St. Augustin bleiben offene Fragen. Hat die Schule die verhaltensauffällige Tanja O. falsch eingeschätzt? Die Staatsanwaltschaft will jetzt einen Haftbefehl gegen die 16-Jährige wegen versuchten Mordes beantragen.
Harald Maas ist der Schulleiter der Hauptschule im Schulzentrum Niederpleis. Nein, es geht ihm nicht gut, räumt der 63-jährige Pädagoge ein: "Es hätte für uns alle übel enden können. Wir müssen uns bei dem verletzten Mädchen bedanken."
Am Tag nach dem vereitelten Amoklauf der 16-jährigen Gymnasiastin Tanja O. sitzt der Schock noch tief. Nur knapp sind Schüler und Lehrer offenbar einem verheerenden Brandanschlag entgangen. Eine 17-jährige Schülerin, die derzeit im Kölner Uni-Klinikum behandelt wird, soll die Tat durch ihr beherztes Eingreifen verhindert haben. Sie traf Tanja O. zufällig auf der Schultoilette und störte die mutmaßliche Attentäterin nach Darstellung bei der Tatvorbereitung. Dabei wurde die 17-Jährige angegriffen und erlitt schwere Stichverletzungen. Auch ein Daumen wurde abgetrennt, der inzwischen wieder angenäht wurde. Tanja O. ergriff die Flucht. In der Nacht zu gestern stellte sie sich der Polizei am Kölner Hauptbahnhof.
Die Staatsanwaltschaft will jetzt Haftbefehl wegen versuchten Mordes und Vorbereitung einer Sprengstoffexplosion gegen das Mädchen beantragen. In ihrem Rucksack sollen sich zehn Molotow-Cocktails und eine Machete befunden haben. Tanja O. kannte sich mit dem Bau von Bomben offenbar aus. In ihrem Kinderzimmer fanden die Fahnder einen Feuerlöscher, der mit einer Sprengstoffsubstanz gefüllt war.
Gestern wurde deutlich, dass es bei dem Amok-Alarm in dem Schulzentrum schwere Pannen gab. So löste ein Hausmeister zunächst Feueralarm aus, statt das Codewort für eine Amok-Warnung über die Lautsprecher-Anlage durchzugeben. Dies hatte zur Folge, das die Schüler auf die Flure liefen, anstatt – wie bei Amok-Bedrohungen dringend empfohlen – in ihren Klassen zu bleiben. Das Fehlsignal sei jedoch umgehend abgestellt worden, hieß es. Unklar blieb gestern, warum das Sondereinsatzkommando der Polizei die Realschule räumte, obwohl sich der Gefahrenherd im Gymnasium befand. Realschüler seien durch das brachiale Vorgehen der Einsatzkräfte unnötig traumatisiert worden, so Pädagogen.
Mitschüler hatten die Direktorin des Gymnasiums bereits in der vergangenen Woche über angebliche Selbstmordabsichten von Tanja O. informiert. Daraufhin konsultierte die Schulleitung einen Psychologen der Bezirksregierung. Der kam zu dem Ergebnis, Anzeichen für eine Fremdgefährdung lägen nicht vor. Eine fatale Fehleinschätzung.
Tanja O. litt nach ersten Erkenntnissen schwer unter der Trennung von ihren Eltern und soll einen "Hass auf ihre Umwelt" entwickelt haben. Offenbar unternahm sie bereits in der Grundschule einen Selbstmordversuch.
Schulministerin Barbara Sommer (CDU) informierte sich gestern vor Ort über den Fall. Bislang seien fast nur Jungen als Amoktäter aufgetreten, der neue Fall zeige, dass auch auf Mädchen stärker zu achten sei. Anschließend besuchte sie die 17-Jährige im Krankenhaus. "Sie hat Angst, wegen der Handverletzung in der Schule nicht mehr mitzukommen", so Sommer. "Ich habe dem mutigen Mädchen unsere Unterstützung zugesagt."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







