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Eine Freundin erinnert sich: Petra Kelly - heute wäre sie 60 geworden

VON CHRISTA NICKELS - zuletzt aktualisiert: 29.11.2007 - 18:16

Geilenkirchen (RP). Sie war die Ikone der Friedensbewegung und eine der ersten Sprecherinnen der Grünen. 1992 schockierte ihr gewaltsamer Tod die Welt. Freundin Christa Nickels erinnert sich.

Es gibt Menschen, in deren Leben und Arbeit sich das verdichtet, was Millionen andere umtreibt. So eine war Petra Kelly. Als wir groß wurden in den 1970iger Jahren stand sich die Welt in zwei unversöhnlichen Blöcken gegenüber. Das atomare Zerstörungsarsenal reichte aus, die Erde mehr als 30 Mal in die Luft zu jagen. Der Club of Rome legte dem amerikanischen Präsidenten unmissverständlich dar, dass die Menschheit ihre Lebensgrundlagen zerstört.

Das wollten wir nicht akzeptieren. Wir wurden Teil der Anti-Atom-Bewegung, deren Ikone Petra Kelly ist. Sie hat es verstanden, Menschen zu vermitteln, was in ihnen steckt, sich Dinge zuzutrauen. Mit ihren Erfahrungen im Wahlkampf von Robert Kennedy und aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wirbelte sie die verkrustete politische Landschaft auf.

Dalai Lama und die Tibetfrage

Wenn Kanzlerin Angela Merkel heute den Dalai Lama empfängt, steht auch sie in der Tradition einer Petra Kelly, die gegen alle Widerstände schon in den 1980er Jahren die Tibetfrage auf die Tagesordnung des Bundestages setzte. Für die Gründung der Grünen war sie maßgeblich. Wie ein Magnet brachte sie unterschiedliche Lager für gemeinsame Ziele an einen Tisch. Mit ansteckender Energie, ihrem profunden Wissen und legendärer Arbeitswut befeuerte sie die Arbeit von Partei und Fraktion.

So auch mich. Ich konnte sie als Rednerin für den Ostermarsch 1982 am Pershing-Raketen-Standort Geilenkirchen gewinnen. Sie reiste per Bahn mit ihrer geliebten Omi Birle an, die Petra in Deutschland oft begleitete. Beide verliebten sich in meine Kinder und schickten ihnen noch jahrelang Nürnberger Lebkuchen zu Weihnachten. Damals eröffnete sie mir, dass ich sie zum Jahrestag des Atombombenabwurfs in Hiroshima vertreten solle. Dort sprach ich als einfache Basisgrüne auf einer Kundgebung vor Hunderttausenden Menschen, lernte die Überlebenden der Katastrophe und die Stadt kennen - eine Erfahrung, die mich und meine politische Arbeit für immer geprägt hat.

Grüne Erfolge sind mit Petra Kelly verknüpft, ebenso eine der bittersten Niederlagen: der Rauswurf der Westgrünen aus dem Bundestag. Verstrickt in innerparteiliche Lagerkämpfe, ging uns der radikal ehrliche Blick auf die Wirklichkeit verloren. An seine Stelle traten Dogmatismus und Prinzipienreiterei, die auch eine erneute Kandidatur von Petra Kelly zunichte machten. Als würden solche Jahrhundertpersönlichkeiten wie Champignons auf der Wiese wachsen!

Wahlniederlage 1991

Der Wahlniederlage folgte der Parteitag im Januar 1991 in Neumünster, bei dem unter Pfeifen und Gejohle eine Petra Kelly mit 17 Stimmen bei der Wahl zur Bundesvorsitzenden durchfiel. Die Nachricht von ihrem Tod erreichte mich am 20. Oktober 1992 in der Frühschicht auf der Intensivstation. Ich war todtraurig, schockiert und wie betäubt: Man hatte sie und Gert Bastian mehr als zwei Wochen nach ihrem Tod in der gemeinsamen Wohnung gefunden - erschossen unter bis heute nicht geklärten Umständen.

Wir haben sie an einem strahlend schönen Herbsttag im Grab ihrer an Krebs gestorbenen kleinen Schwester Grace auf dem Waldfriedhof in Würzburg beerdigt. Eine Kollegin tauschte mit mir den Dienst, damit ich auf der Gedenkfeier für sie sprechen konnte. Dort habe ich manchen hart gesottenen politischen Haudegen weinen sehen, und die Grünen sind in sich gegangen wie nie.

Wie wäre sie zurechtgekommen?

Wie wäre Petra Kelly mit Kompromissen von Regierungshandeln zurechtgekommen?, fragen heute manche. Sie verkennen, dass sie eine radikale Realistin war, die realpolitische Erfolge verzeichnete, als die Grünen noch verlacht wurden. Sie stand für ehrliche Teilergebnisse, brandmarkte aber die Schere im Kopf, die schon weit im Vorfeld den Kompromiss des Kompromisses zurechtschneidert und damit Politik im Kreis gehen lässt.

Nach ihrem Tod ist es still geworden um Petra Kelly. Ihr Vermächtnis wird im Grünen Archiv gehütet. Es wäre nicht nur für uns Grüne lohnend, unsere bisher geleistete Arbeit, Erfolge und Scheitern grüner Politik, Maß nehmend an ihrem Erbe, zu bilanzieren und neue Kraft für unsere Arbeit zu gewinnen.

Die Autorin war 17 Jahre im Bundestag. Sie ist Mitbegründerin der NRW-Grünen und lebt in Geilenkirchen.


 
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