Kardinal Meisner: Pfingsten ist das Familienfest der Kirche
VON JOACHIM KARDINAL MEISNER - zuletzt aktualisiert: 27.05.2007 - 14:41Düsseldorf (RP). Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes, mit dem leider viele Zeitgenossen gar nichts mehr anzufangen wissen, da sie den Heiligen Geist Gottes nicht mehr kennen. Weil Gott die Liebe ist, wie die Heilige Schrift eindeutig an verschiedenen Stellen formuliert, ist er zu mehreren. Denn Liebe kann es nie für sich allein geben.
Darum verehren wir den einen Gott in drei Personen. Das Urwort der Liebe ist „Du“. Von Ewigkeit her spricht der Vater sein Du aus, und dieses Du steht ihm seit Ewigkeit her im Sohn gegenüber. Und weil er ganz und gar Sohn des Vaters ist, schenkt der Sohn sein Du an den Vater zurück, und das ist der Heilige Geist.
In der Heiligen Schrift steht: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Gott erschuf ihn als Mann und als Frau, damit diese so zueinander Du sagen, dass dann plötzlich ein drittes Du entsteht: das Kind. Der Mensch ist also als Ebenbild Gottes auf die Ehe angelegt, die dann aber zur Familie wird.
Es gibt in der orthodoxen Tradition eine interessante Ikone. Sie zeigt eine vertikale und eine horizontale Linie. Die vertikale bildet am oberen Rand Gottvater ab, darunter die Taube als Symbol des Heiligen Geistes, unter dem Heiligen Geist steht am unteren Rand der Jesusknabe. Unter dieser Längslinie: Vater, Sohn und Heiliger Geist, befindet sich das Wort „Sanctissima trinitas increata“, die „ungeschaffene heiligste Dreifaltigkeit“. Die horizontale Linie ist am unteren Rand des Bildes sichtbar. In der Mitte steht der schon erwähnte Jesusknabe und rechts seine Mutter Maria, links der Pflegevater Josef. Unter Jesus, Maria und Josef steht horizontal: „Sanctissima trinitas creata“, die „geschaffene heiligste Dreifaltigkeit“. Und damit ist die Familie gemeint.
Die Familie ist das vollkommenste irdische Abbild des dreifaltigen Gottes, dessen Mitte der Heilige Geist ist, der Vater und Sohn zu dem einen dreifaltigen Gott verbindet und der Mann und Frau zu einer Familie mit Kindern zusammenwachsen lässt.
Es gibt die Buchwidmung eines Autors für seine Mutter, die lautet: „Für Mutter, ohne die Vater nicht Vater wäre“. Man könnte diese Widmung auch umformulieren, indem man schreibt: „Für Vater, ohne den Mutter nicht Mutter wäre“, oder „Für die Geschwister, ohne die Eltern nicht Eltern wären“.
Das bedeutet, der eine wird von dem anderen in der Familie konstituiert. Die Liebe lebt immer vom Du des anderen und auf das Du des anderen hin. Deshalb schreibt der Apostel Paulus: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Somit ist Pfingsten eigentlich das Familienfest der Kirche.
Die Familie ist also etwas Heiliges, nämlich vom Heiligen Geist geheiligt.
Zurzeit steht die Familie auch im Mittelpunkt der politischen Diskussion. In der Kirche ist die Familie immer Hauptthema und Mittelpunkt. Der Geist Gottes bringt sogar in einer Familie zustande, was uns als Pfingstwunder von der Apostelgeschichte berichtet wird. Da heißt es: „Als Vertreter aller Völker der Welt am Pfingsttag in Jerusalem zugegen waren, hörten sie alle die Predigt der Apostel in ihrer jeweiligen Muttersprache“. Das große Thema von Pfingsten lautet: „Ich verstehe dich.“ Und das ist die Grundlage jedes fruchtbaren Familienlebens: Dass man einander versteht.
Wenn man die pfingstliche Sprache sprechen könnte, würde man von allen verstanden. Die Konjugation der normalen europäischen Sprachen heißt: „Ich, du, er.“ Zuerst kommt immer das eigene Ich, dann erst kommt das Du des Mitmenschen, und zum Schluss, erst an dritter Stelle kommt - wenn überhaupt - Gott.
Die pfingstliche Konjugation ist genau umgekehrt. Sie heißt: „Er, du, ich“. Zuerst kommt Gott, an zweiter Stelle kommt das Du des Mitmenschen und an dritter Stelle erst das eigene Ich. Wer so in pfingstlicher Konjugation denkt, spricht und handelt, wird von allen verstanden. Dort wiederholt sich das Wunder von Pfingsten: „Ich verstehe dich.“
Das macht eigentlich eine Familie zu einer Familie, die ein Abbild des dreifaltigen Gottes ist.
Joachim Kardinal Meisner ist Erzbischof von Köln.
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