Streiks in Deutschland: Platzangst in Berlin
zuletzt aktualisiert: 05.03.2008 - 15:47Berlin (RPO). Am Mittwoch legen Streiks im öffentlichen Dienst Deutschland lahm. Vor allem in der Hauptstadt tobt das Chaos. Gewaltige Menschenmassen drängeln sich sort auf den Bahnsteigen. Die Polizei muss einschreiten. Die Bahnen sind völlig überfüllt.
Am Eingang des U-Bahnhofs Görlitzer Bahnhof rüttelt am Mittwochmorgen ein älterer Mann irritiert ein wenig am Gitter. Ratlos blickt er sich um und stapft dann durch den Schnee davon. An einer nahe gelegenen Tram-Haltestelle steht auf der digitalen Anzeigetafel lapidar: "Die BVG wird von Verdi bestreikt. Es fahren keine Busse, U- und Straßenbahnen." Am S-Bahnhof Ostkreuz drängeln sich derweil gewaltige Massen an Menschen auf den Bahnsteigen. Nicht nur Pendler sind unterwegs, sondern auch Fahrradfahrer flüchten wegen des schlechten Wetters in die Waggons. Polizisten sperren die Treppen ab, regeln den Ein- und Ausstieg der Fahrgäste. Die Bahnen fahren verspätet ab und sind völlig überfüllt.
Ein Sprecher der S-Bahn schätzt, dass die Züge wegen des BVG-Streiks rund 300 000 Fahrgäste mehr transportieren als üblich. "Wir können die BVG nicht ersetzen", betont Sprecher Ingo Priegnitz. Den Berlinern mit Auto geht es nicht viel besser, das Wetter erschwert am Morgen die Bedingungen. "Es herrscht Chaos", sagt ein Sprecher der Verkehrslenkung Berlin (VLB). Es habe zahlreiche Unfälle gegeben, die Autos bewegten sich nur im "Schneckentempo" vorwärts.
In ihrer Not haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) rund 80 Busse von privaten Unternehmen angeheuert. Damit sollen im 30-Minuten-Takt die wichtigsten Strecken abgedeckt werden, die Fahrgäste sollen wenigstens zur nächsten S-Bahn-Station gelangen. "Wir haben jeden Tag 2,4 Millionen Fahrgäste, die passen nicht in 80 Busse", betont BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Die Fahrer der Ersatzbusse würden oft ihre Strecke nicht kennen und müssten immer wieder in den Stadtplan schauen oder Passagiere nach dem Weg fragen.
Die BVG-Fahrer versammeln sich derweil vor den Betriebshöfen. In Lichtenberg wärmen sich Kollegen an einer rostigen Tonne mit Feuer. Ein BVG-Bus mit laufendem Motor ist voll besetzt mit durchgefrorenen Streikenden. An den Fenstern hängt ein Zettel mit der Aufschrift "Spendenkasse für Kaffee und Wurst". Michael Schmidt steht seit 6.00 Uhr vor dem Eisentor, denn um diese Zeit beginnt sein regulärer Dienst. "Das ist kein Urlaub, das ist Streik", betont der Busfahrer. "Wir sind nicht scharf darauf", fügt er hinzu.
Doch die Politiker wollten die Beschäftigten um ihre Lohnerhöhung bringen, klagt Schmidt. Dabei hätten die sich selbst kürzlich erst die Diäten um 700 Euro pro Monat erhöht. "Weil sie an der Kasse sitzen", sagt der 53-Jährige zornig und bringt in der Aufregung Bundestagsabgeordnete und Landesparlamentarier ein wenig durcheinander. "Aber wenn wir einen Fuffi mehr haben wollen, tun sie gleich so, als würde der Staat pleite gehen." Er schüttelt den Kopf und trinkt einen Schluck Kaffee aus dem Plastikbecher.
Sein Kollege Andreas Franz arbeitet seit 30 Jahren als Busfahrer. "Momentan würden wir leer ausgehen", sagt er. Vor drei Jahren hätten die Mitarbeiter auf Lohn verzichtet, gleichzeitig werde alles teurer. Ein Sicherungsbetrag werde ihnen als Ausgleich bezahlt. Sollte diese Summe nun aber auf die Erhöhung angerechnet werden, sei das "Beschiss", kritisiert der 51-Jährige. Ein Müllwagen fährt in dem Moment auf der Straße vorbei, der Fahrer streckt den Arm aus dem Fenster und winkt. Ein anderes Auto hupt im Vorbeifahren solidarisch. "Das passiert ständig", betont der Busfahrer. Das Feedback sei weitgehend positiv.
Matthias Templin von ver.di sagt: "Erfahrungsgemäß herrscht in den ersten zwei, drei Tagen Zustimmung - danach kippt die Stimmung." Ab Montag hat die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ebenfalls einen unbefristeten Streik angekündigt, dann sollen auch die S-Bahnen stillstehen. "Für die Berliner ist mir das nicht recht", sagt Templin. "Das wird das absolute Chaos."
ver.di-Verhandlungsführer Frank Bäsler versichert: "Wir würden jederzeit gerne früher aufhören." Voraussetzung sei aber ein vernünftiges Angebot der Arbeitgeber. Die Gewerkschaft verlangt Gehaltserhöhungen von bis zu zwölf Prozent, mindestens aber 250 Euro brutto monatlich mehr. Dagegen will der Kommunale Arbeitgeberverband Berlin (KAV) vorrangig den seit 2005 eingestellten sogenannten Neu-Beschäftigten mehr Geld zahlen. Die Alt-Beschäftigten sollen weitgehend leer ausgehen. Der Senat signalisiert, dass er hart bleiben will. "Zurzeit herrscht Funkstille", sagt Bäsler.
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