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Tag der Großeltern
Plötzlich Opa

Tag der Großeltern: Plötzlich Opa
Schiebende Rolle: Neu-Großvater Joachim Mies (63) geht mit seiner ersten Enkelin Charlotte (drei Monate alt) im Park spazieren. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Großeltern sind wichtig. Zum "Oma-und-Opa-Tag" am Samstag erzählt unser Autor, wie sich das Leben durchs erste Enkelkind verändert. Von Joachim Mies

Neuerdings neige ich ein wenig zur Rührseligkeit. Sie überkommt mich ohne Vorwarnung und bei so unterschiedlichen Anlässen, dass es Außenstehenden schwerfallen dürfte, den leisen Gefühlsregungen zu folgen und mein glückseliges Lächeln einzuordnen, das unbefangene Betrachter leicht auch als "belämmert" empfinden könnten. Sie können ja nicht wissen, dass in solchen Momenten meine Gedanken bei einem zauberhaften kleinen Wesen sind und einer wundersamen Veränderung in meinem Leben: Seit einigen Wochen bin ich Großvater.

"Plötzlich Opa" lautete der Arbeitstitel für diesen Text - was zunächst einmal natürlich Unsinn ist. Schließlich sollten noch rund acht Monate ins Land gehen nach jenem so unverhofften wie innigen Moment, als uns die Kinder einen winzigen Strampler auf den Gabentisch legten und ich (nur ich!) einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass nicht das Stückchen Stoff das Geschenk war, sondern die dahinter steckende Botschaft: Genau so etwas werden wir demnächst brauchen.

Bei der Entspannungsübung eingeschlafen

Andererseits gibt es ja wenig auf dem Markt, was einem in Sachen Opa-Werden weiterhelfen würde. Alle Angebote, bei denen Geburt und Vorbereitung eine Rolle spielen, richten sich sinnvollerweise an die werdenden Eltern. Da muss der angehende Opa, der zuvorderst ja auch Papa ist, schon auf seine Erinnerung zurückgreifen (auch wenn darin immer zuerst jene schmähliche Situation auftaucht, als in größerer Geburts-Vorbereitungs-Runde eine wohlgemeinte Entspannungsübung bei mir so nachhaltig wirkte, dass lockeres Atmen unmerklich, aber leider hörbar in leises Schnarchen überging).

Aber was zählen schon Anekdoten von gestern, wenn es dann in der Gegenwart endlich soweit ist? Quasi über Nacht. Plötzlich (!) darfst du dieses Kind sehen und halten, dessen Ankunft so lange eine Verheißung war. Und merkst nach einer Weile, dass die Arme schwer werden in dieser beschützenden, vor allem aber ungewohnten Haltung. Und du blickst über den Winzling hinweg in die strahlenden Augen der jungen Mutter, die doch eben noch deine kleine Tochter war. Und möchtest den Moment gar nicht mehr loslassen vor Glück.

Damit es nun nicht zu gefühlig wird, zwischendurch ein paar Zahlen und Fakten. Das sollte am "Oma-und-Opa-Tag", zu dem der 12. November erklärt wurde, schon sein. Und zur Ernüchterung sei zunächst der Schweizer Familiensoziologe François Höpflinger zitiert: "Wir sollten die romantischen Illusionen über Großelternschaft vergessen, das ist heute keine Realität mehr." Was erst einmal hart klingt, aber dennoch zum Lob der Großeltern passt, weil zur weiteren Erkenntnis auch gehört, dass die heutige Realität keineswegs schlechter ist als das überholte Image: "Die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern ist heute viel enger als noch in der Generation davor."

Wofür es mancherlei Gründe gibt, unter anderem sicherlich den, dass die heutigen Großeltern dynamischer und aktiver sind als in früheren Jahrzehnten und deshalb auch mehr mit den Enkeln unternehmen können. Großmütter und -väter sind die drittwichtigste Betreuungsinstanz für Kinder im Krippen- und Kindergartenalter, schreibt das Deutsche Jugendinstitut. Und das Internetportal www.grosseltern.de hat bei einer Befragung seiner Nutzer herausgefunden: Über 30 Prozent verbringen drei bis acht Stunden die Woche mit den Enkeln, ein weiteres Drittel kommt auf neun bis 20 Stunden, bei 18 Prozent sind es sogar mehr als 20 Stunden die Woche.

Soweit bin ich noch lange nicht bei unserem kleinen Sonnenschein, wiewohl ich auch schon erste Erfahrungen machen durfte mit einem neuen Samstags-Schema: Babysitten statt Bundesliga, was aber ehrlicherweise nur gelingen konnte, weil auch die Oma mit dabei war. Bei so einem Ausflug kann man dann einiges lernen. Dass ein Kaufhausbesuch nur angeraten ist, wenn die Hose in Windeseile ausgesucht und anprobiert ist, beispielsweise. Und dass junge Leute eher verständnisvoll den Kinderwagen umkurven, derweil ältere Damen einigermaßen ungeniert über den Mann "am Steuer" lästern, wenn er ihnen zu nahe kommt. Versehentlich natürlich und eigentlich auch unnötigerweise. Denn die heutigen Kinderwagen würden, wenn sie denn Autos wären, sicher in der Liste der edleren "Sport Utility Vehicle" geführt. Geländegängig und supereinfach zu bedienen...

Ärger über bestimmte Werbung

Aufgefallen ist mir auch, dass ich neuerdings wieder einer bestimmten Zielgruppe für Werbung angehöre. Aber nicht für Geldanlagen im Alter oder Genussreisen hoch zu See, sondern für allerlei Salben und Tinkturen, als ob ins Opa-Sein ein Stück Gebrechlichkeit gleichsam mit eingebaut wäre. So nach dem Motto "Opa hat Rücken und Knie, aber wir haben da was für ihn". Ärgerlich irgendwie.

Dann doch lieber jener Jungspund, der mich kürzlich vor einem Konzert im, jawohl, Jugendzentrum Karo in Wesel freundlich musterte und zu dem Schluss kam: "Die Musik ist heute wohl nix für junge Leute." Nettes Kerlchen. Aber recht hatte er ja. Und so frisch und beglückend die neue Rolle als Großvater ist, so gut wird sie hoffentlich eine alt-eingeübte ergänzen: Rock-Opa kann ich schon lange.

Quelle: RP
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