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Interview mit EKD-Vorsitzendem Schneider: Politik muss Hartz-IV-Probleme angehen

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 20.07.2010 - 15:58

(RP). Der rheinische Präses und amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, über jüngste prominente Personalentwicklungen in der Kirche, den Missbrauchsskandal und den Start der rot-grünen Landesregierung in NRW.

Präses Schneider, was bedeutet der Rücktritt der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen für die Evangelische Kirche in Deutschland?

Schneider Mit dem Rücktritt von Maria Jepsen verliert die evangelische Kirche eine mutige und profilierte Frau im Bischofsamt. Sie war weltweit die erste Frau in einem so hohen Amt. Aber ich bin sicher, dass gute und qualifizierte Frauen auch wieder in Bischofsämter nachrücken werden.

Sowohl Jepsen als auch Margot Käßmann sind schnell und konsequent von ihren Ämtern zurückgetreten – Jepsen wegen der Vorwürfe, sie habe einen Missbrauchsfall nicht konsequent genug aufgeklärt, Käßmann wegen ihrer Fahrt unter Alkohol. Ist das auch Ausdruck eines anderen Amtsverständnisses als in der katholischen Kirche?

Schneider Maria Jepsens Rücktritt ist Ausdruck des evangelischen Amtsverständnisses, nach dem wir zwischen Amt und Person unterscheiden. Das bringt eine große Freiheit, persönliche Konsequenzen zu ziehen. Es birgt aber sicher auch die Gefahr, dem Persönlichen mehr Gewicht zuzumessen, als es dem Amt gut tut.

Nervt Sie eigentlich der Rummel um Ihre Vorgängerin Margot Käßmann?

Schneider Nein. Dass Margot Käßmann beim Ökumenischen Kirchentag in München so überschwänglich empfangen wurde, habe ich ihr von Herzen gegönnt.

Im November soll die Synode Sie auch offiziell zu Käßmanns Nachfolger wählen. Was werden Ihre Projekte als Ratsvorsitzender der EKD?

Schneider Ich will den Reformprozess fortsetzen, den Wolfgang Huber angestoßen hat. Es geht jetzt darum, dass die Reform von den Gemeinden angenommen wird. Ich will die Zusammenarbeit zwischen den konfessionell unterschiedlichen Landeskirchen stärken. Mit Blick auf Politik und Gesellschaft müssen wir fragen, ob Beschlüsse wie Sparpaket und Gesundheitsreform nicht ein Treibstoff sind, der die Gesellschaft spalten kann.

Aber ist es richtig, gleich das Wort der Menschenwürde im Mund zu führen, wie es Käßmann getan hat?

Schneider Zur Menschenwürde gehört, dass die Basisbedingungen des Lebens abgesichert sind, und dazu gehören nicht nur Essen und Trinken, sondern Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben – und vor allem Bildung. Im Moment können Kinder aus Hartz-IV-Familien oft nicht an Klassenfahrten teilnehmen. Dieses Problem muss die Politik energisch angehen.

Die rot-grüne Minderheitsregierung in NRW hat Rekordschulden angekündigt. Ein guter Start?

Schneider Es führt kein Weg an der Haushaltskonsolidierung vorbei. Schuldenaufnahme, um Zukunft zu finanzieren, sehe ich skeptisch, aber lassen Sie uns erst einmal sehen, wie die künftige Landesregierung konkret Politik machen wird.

Nach dem Katholiken Jürgen Rüttgers wird jetzt die Protestantin Hannelore Kraft NRW regieren. Was erwarten Sie von ihr?

Schneider Zunächst einmal das Gleiche wie von Jürgen Rüttgers: eine gute, sozial ausgewogene Politik zum Wohle der Menschen. Es wäre schön, wenn die Dimensionen des Glaubens in ihrem politischen Handeln erkennbarer würden. Ich würde mich auch freuen, wenn Hannelore Kraft in einer unserer Kirchen eine Kanzelrede hielte.

Margot Käßmann ist zurückgetreten, Horst Köhler hat hingeworfen. Jetzt gibt es eine möglicherweise instabile Minderheitsregierung in NRW. Haben wir eine Krise der Institutionen?

Schneider Was die evangelische Kirche betrifft: Nein. Im Gegenteil, Käßmanns Rücktritt hat Maßstäbe gesetzt, und das Funktionieren der EKD hängt nicht an einer Person. Für die Politik kann ich nicht sprechen, sie muss sich aber noch mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Die Linke hat sich offenbar etabliert, den Umgang mit ihr müssen wir noch üben. Ich sehe das Bedürfnis nach überzeugenden, charismatischen Persönlichkeiten.

Zum Beispiel Christian Wulff?

Schneider Wulff wird neue Akzente setzen. Er war ein erfolgreicher Ministerpräsident, aber er hat ja nicht nur politisch gewirkt: Er hat seine Mutter gepflegt. Alle Achtung! Wulff kennt auch die schweren Seiten und die Brüche des Lebens.

Zum Beispiel Angela Merkel?

Schneider Merkel wird bewundert, weil sie blitzgescheit ist und analytisch denkt. Im Moment allerdings ist es sehr schwer für sie, im Zusammenfügen der Unterschiede die Qualität ihrer Koalition zu zeigen.

Wie beschädigt sind die beiden Kirchen durch die Missbrauchsdebatte?

Schneider Für die katholische Kirche kann ich nicht sprechen. Sie selbst sagt, dass sie derzeit ein Glaubwürdigkeitsproblem habe. Dass es Missbrauch auch in der Evangelischen Kirche im Rheinland gab, bedrückt mich. Die Wertschätzung der Priester und Pfarrer vor Ort dagegen ist nach wie vor riesig.

Was kann die evangelische Kirche aus der Krise der katholischen lernen?

Schneider Wir Protestanten setzen im Umgang mit diesen Fällen auf Transparenz, Orientierung an den Opfern, Zusammenarbeit mit der Justiz. Diesen Weg geht nun auch die katholische Kirche. Das zeigt: Da sind wir auf dem richtigen Weg.

Sind diese Krisenzeiten gute oder schlechte Zeiten für Ökumene?

Schneider Wir dürfen nicht sagen: Seht, wir Protestanten hatten doch recht. Wenn man sich nicht gegenseitig vorführt, wenn man mitleidet, können das gute Zeiten für Ökumene sein.

Warum hat trotzdem die evangelische Kirche vor der Missbrauchskrise mindestens so viele Mitglieder verloren wie die katholische?

Schneider Wir verlieren mehr Mitglieder durch den Tod als durch Austritt. Aber richtig ist: Wer klares Profil zeigt und klare Anforderungen hat, ist auch attraktiv. Dazu kommt die hohe innere Bindungskraft der katholischen Kirche, die an emotionale Formen der Frömmigkeit gebunden ist. Da können wir Protestanten eine Menge lernen.

Wäre es ein Schritt zu mehr Attraktivität, öfter Abendmahl zu feiern?

Schneider Calvin ist dafür eingetreten, jeden Sonntag Abendmahl zu halten. Wir sollten diese Angebote stärken. Eine lebendige Liturgie ist sicher entwicklungsfähig.

Quelle: RP

 
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