Nach dem Tod von Christoph Schlingensief: Politik und Kultur trauern um ein Genie
zuletzt aktualisiert: 22.08.2010 - 13:32Berlin (RPO). Der Tod des Theater-, Film- und Opernregisseurs Christoph Schlingensief hat auch bei Politikern und Kulturfunktionären tiefe Trauer hinterlassen. Mit Christoph Schlingensief verliere die Kulturszene einen ihrer vielseitigsten und innovativsten Künstler, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Schlingensief war am Samstag im Kreis seiner Familie an seinem vor gut zwei Jahren diagnostizierten Lungenkrebs-Leiden gestorben.
Neumann betonte, Schlingensief habe die deutschsprachige Film- und Theaterwelt stark beeinflusst. "Zu seinen Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte." Seinem Schaffen und seiner Kreativität als Film-, Theater- und Opernregisseur habe der Respekt vieler Kritiker gegolten.
So inszenierte er mit großem Erfolg den "Parsifal" in Bayreuth, wirkte im vergangenen Jahr bei der Berlinale-Jury mit und legte noch in diesem Jahr den Grundstein für ein "Operndorf" in Burkina Faso. "Sein im letzten Jahr erschienenes Tagebuch ist ein für mich besonders bewegendes Werk in seiner Auseinandersetzung mit seiner schweren Erkrankung", sagte Neumann.
NRW-Landesregierung: "Großer Verlust für die Gesellschaft"
Die Landesregierung trauert um den verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief. Der im Alter von 49 Jahren verstorbene Künstler sei einer "der mutigsten Regisseure Deutschlands" gewesen, sagte die NRW-Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) am Sonntag in Düsseldorf. Sein Tod sei "ein großer Verlust für die Gesellschaft und die Kultur". Angehörigen und Freunden sprach Schäfer "tiefstes Mitgefühl" aus.
Das künstlerische Erbe von Schlingensief sei auch über seinen Tod hinaus national und international für die weitere Entwicklung von Theater und Film von grundlegender Bedeutung, betonte Schäfer weiter. "Wir sind dankbar für seine künstlerische Leistung, für seine künstlerische Radikalität, mit der er Werte in Gesellschaft, Kultur und Politik hinterfragt hat, für seine Art von Provokation durch Kunst, die aufrüttelte, berührte, betroffen machte und wegweisende Spuren hinterließ. Sie werden bleiben."
Mit Christoph Schlingensief verliere die Bundesrepublik einen der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler, sagte Grünen-Vorsitzende Claudia Roth in Berlin. "Der Tod von Christoph Schlingensief erschüttert mich bis ins Mark." Schlingensief habe "unser Land mit seinen Arbeiten in aller Welt vertreten - von Bayreuth bis zum Amazonas, von der Ruhr bis nach Burkina Faso." Die Vollendung seines Traumes von einem Operndorf in Afrika habe er nicht mehr miterleben können. "Aber die Hoffnung bleibt, dass dieses Projekt in seinem Sinne realisiert wird."
Berlinale-Direktor Kosslick würdigte den Verstorbenen als großen Filmemacher und politischen Künstler. Schlingensief habe im wahrsten Sinne gemacht, was er wollte. Er sei ein Mensch gewesen, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt habe. Mit seiner Kunst habe sich Schlingensief gegen Abschiebungen, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen engagiert.
Kosslick sagte, bei Freunden und Bekannten werde von Schlingensief bleiben, dass er ein angenehmer und aufmerksamer Mensch gewesen sei. Anderen werde er in Erinnerung bleiben als sperriger Mensch, der sich gegen die Gesellschaft und den Lauf der Dinge gewehrt habe.
Wowereit: Ein großer Mann des Theaters geht zu früh
Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit sagte, ein großer Mann des deutschen Theaters verlasse die Bühne viel zu früh. Unter Schlingensief sei nicht nur die Berliner Volksbühne nach der Wende zu einem der führenden Theater des Landes geworden. "Mit seinem Namen verbindet sich auch der Ruf Berlins als deutsche Theaterhauptstadt", sagte Wowereit.
Für Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz war der Verstorbene "ein wunderbarer Mensch und ein hervorragender Künstler", mit dem er seit der gemeinsamen Zeit an der Volksbühne verbunden war. "Ich werde ihn vermissen und uns allen werden die Provokationen des Theatermannes Schlingensief fehlen", sagte Schmitz.
Der Regisseur und Schauspieler war immer wieder am Wiener Burgtheater tätig. Eine Sprecherin des Hauses sagte der österreichischen Nachrichtenagentur APA, das gesamte Theater sei in "tiefer Trauer". Schlingensief habe sich durch seine Arbeiten am Burgtheater Respekt und Anerkennung erworben, sagte Konstanze Schäfer. "Er war ein ganz besonderer Mensch, voller Warmherzigkeit im Umgang." Er sei einer der "angesehensten Künstler" gewesen, die am Burgtheater gearbeitet hätten.
Schlingensief wurde am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geboren. Ab den 80er Jahren arbeitete er zunächst als Experimentalfilmer. An der Volksbühne in Berlin debütierte er 1993 unter der Leitung von Frank Castorf als Theaterregisseur. Später inszenierte er unter anderem auch Opern. Überdies hatte er mit der Partei "Chance 2000" für Aufsehen gesorgt.
Auf der am Freitag begonnenen Saison der Ruhrtriennale hatte Schlingensief ursprünglich das Stück "S.M.A.S.H" inszenieren sollen. Aufgrund seiner Krebserkrankung hatte er das Projekt jedoch Anfang Juli abgesagt. Am 3. Oktober sollte unter seiner Regie die Uraufführung der Oper "Metanoia - Über das Denken hinaus" die neue Spielzeit der Berliner Staatsoper Unter den Linden eröffnen.
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