Gesundheitsrisiko: Politiker wollen Energiesparlampe verbannen
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 22.12.2010 - 16:15Düsseldorf (RPO). Es klingt wie ein Treppenwitz aus Brüssel: Deutsche EU-Politiker machen sich dafür stark, das EU-weite Verbot von Glühbirnen zu kippen und die als Alternative vorgesehenen Energiesparlampen vom Markt zu nehmen. Anlass dazu bietet eine aktuelle Warnung des Bundesumweltamtes vor Gesundheitsrisiken durch Energiesparlampen.
Das ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker des von Brüssel verordneten Wechsels auf die Energiesparlampe. Vorneweg marschiert in diesen Tagen der CDU-Politiker Herbert Reul, der schon im EU-Parlament dagegen gestimmt hat. Nun kündigt er in einer Zeitung eine neue Offensive an: "Ich werde alles tun, um das Glühbirnenverbot in der EU doch noch zu kippen", sagte der Vorsitzende des Industrie-Ausschusses der "Welt". Seine Forderung: Die EU-Kommission soll das Glühbirnenverbot "unverzüglich" außer Kraft setzen.
Brüssel müsse überprüfen, ob die als Alternative zur Glühbirne vorgesehene Energiesparlampe aufgrund der nachgewiesenen Gesundheitsgefahren überhaupt noch vertrieben werden dürfe. Die Produktsicherheit und die Gesundheit der Verbraucher müssten oberste Priorität haben, forderte Reul.
Abschied von der Glühlampe
Herkömmliche Glühbirnen mit 100 und 75 Watt dürfen in der EU nicht mehr verkauft werden, da sie als Energiefresser gelten. Ab September kommenden Jahres dürfen auch die am meisten verbreiteten 60-Watt-Birnen nicht mehr neu in Verkehr gebracht werden.
Der EU-Parlamentarier warf Brüssel vor, dass es mit dem Glühbirnenverbot "getrieben vom Klimaschutzwahn Symbolpolitik betrieben hat, die weder dem Klimaschutz noch der Gesundheit der Menschen dient". Ähnliches hatte Reul schon Anfang des Monats gefordert, war damit aber in der Öffentlichkeit weitgehend auf taube Ohren gestoßen.
"Sondermüll als Lichtquelle"
Bei seinem zweiten Anlauf findet er prominente Unterstützung: Mit Silvana Koch-Mehrin (FDP) stellt sich auch die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments an seine Seite. Solange nach wissenschaftlichen Erkenntnissen davon auszugehen sei, dass Energiesparlampen zu erheblichen Gesundheitsschäden führen könnten, müsse die EU das Glühbirnenverbot zumindest für Privathaushalte aussetzen, sagte sie dem Blatt. "Es kann doch nicht sein, dass unter dem Deckmantel des Umweltschutzes die beim Verbraucher beliebten und bewährten Glühbirnen vom Markt genommen und durch gesundheitsgefährdende Produkte ersetzt werden", so Koch-Mehrin. Durch das "unsinnige Glühbirnenverbot" werde "Sondermüll als Lichtquelle" vorgeschrieben.
Das klingt gut, das klingt griffig, verschweigt aber einige wichtige Details. Hintergrund der Kritik sind Untersuchungsergebnisse des Umweltbundesamtes (UBA). Tatsächlich können Energiesparlampen demnach ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen. Aber nur, wenn eine solche Lampe zu Bruch geht. Die Messungen im Versuchsraum ergaben für einen solchen Fall eine Quecksilberkonzentration, die den Richtwert von 0,35 Mikrogramm pro Kubikmeter um das Zwanzigfache überschritt. Die Versuchsanordnung entsprach einem worst-case-szenario, dem denkbar schlimmsten Fall.
Unterschiedliche Schlussfolgerungen
Das Ergebnis bezeichnet die Bundesbehörde in ihrem Untersuchungsbericht dennoch als nicht akzeptabel. Räume, in denen sich regelmäßig Kinder oder Schwangere aufhielten, sollten nicht mit zerbrechlichen Energiesparlampen ausgestattet werden. An Stellen, wo viel Bewegung herrscht wie etwa in Kinderzimmern, sollten Lampen nur mit zusätzlicher Ummantelung oder anderem Schutz eingesetzt werden. Als Alternativen kämen auch LED-Lampen in Betracht.
Doch zieht das in Gesundheitsfragen sonst empfindlich reagierende Umweltbundesamt aus der Untersuchung andere Schlüsse als Wolfgang Reul oder Silvana Koch-Mehrin. So schätzt das Amt die Wahrscheinlichkeit, dass im normalen Alltagsgebrauch eine Energiesparlampe zu Bruch gehe, als eher gering ein. Den Abschied von der Glühbirne hält die Behörde nach wie vor für richtig.
Bruchsichere Lampen gefordert
"Es ist nicht so, dass sich das Umweltbundesamt gegen diese Lampen ausgesprochen hat", betonte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums. Energiesparlampen seien "kein großes Problem". Zudem gelange bei der Stromerzeugung in Kohlekraftwerken mehr Quecksilber in die Umwelt als durch die Lampen. Im übrigen gebe es energiesparende Alternativen wie Halogenlampen und so genannte LED-Birnen, die kein Quecksilber enthalten.
Aus Sicht des Bundesumweltamtes stehen nun vielmehr die Hersteller in der Verantwortung, bruchsichere Lampen zu entwickeln. Kurzfristig könnten die bereits im Handel weit verbreiteten Kompaktstofflampen mit zusätzlichem Hüllkolben eine Alternative darstellen. Sollte dies nicht auf freiwilliger Basis durch die Hersteller geschehen, empfiehlt das UBA eine ordnungsrechtliche Vorgabe auf EU-Ebene. Das allerdings würde für den Verbraucher allerdings Komforteinbußen mit sich bringen. Die Anlaufzeiten bis zum Erreichen der maximalen Helligkeit sind länger, die Lampen werden teurer.
Genau wie bei Neonröhren
Auch der CDU-Politiker Karl-Heinz Florenz sieht die Industrie in der Pflicht. Vor allem die großen Hersteller Osram und Philips hätten sich jahrelang gegen das Verbot gestellt, anstatt rechtzeitig attraktive Alternativen zu entwickeln. Solange eine herkömmliche Glühbirne nur fünf Prozent der Energie in Licht umwandele und den Rest als Wärme verpuffen lasse, gebe es keine Alternative zu dem Verbot.
Unabhängig von den aktuellen Querelen weisen die Umwelt-Experten darauf hin, dass Energiesparlampen in den Sondermüll gehören. Nur dann könne Quecksilber getrennt erfasst und das Lampenglas wiederverwertet werden. Verbrauchern sei dieses Prozedere schon lange durch den Umgang mit Neonröhren vertraut. Die Leuchtstoffröhren sind quecksilberhaltig.
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