Täter in Essen vermutet: Polizei fahndet bundesweit nach gefährlichen Gefängnisausbrechern
zuletzt aktualisiert: 28.11.2009 - 08:05Aachen/Köln (RPO). Die Fahndung nach den beiden aus der Justizvollzugsanstalt Aachen geflohenen Schwerkriminellen ist bis zum Samstagmorgen erfolglos geblieben. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung wurde in der Nähe des Essener Baldeneysees nach den Flüchtigen gesucht, wie die Polizei mitteilte. Auch der Einsatz von Hubschraubern mit Wärmebildkameras brachte aber keinen Erfolg.
Der wegen Mordes verurteilte Peter Paul Michalski (46) und der wegen Mordversuchs und Geiselnahme inhaftierte Michael Heckhoff (50) waren am Donnerstagabend aus dem Gefängnis entkommen - vermutlich mit Hilfe eines Wärters. Auf der Flucht zwangen sie am Freitagnachmittag eine junge Frau, sie mit ihrem Auto von Köln nach Essen zu fahren.
Die Essener Polizei erklärte, zwei Männer hätten die 19-Jährige in ihre Gewalt gebracht und zu der Fahrt nach Essen gezwungen. An einer Brücke im Ortsteil Kettwig sei der Wagen wegen Spritmangels liegen geblieben. Die beiden Männer seien zu Fuß weiter geflüchtet; die Schülerin sei unverletzt geblieben und wieder frei. Sie habe eine Personenbeschreibung abgegeben, und man gehe davon aus, dass es sich bei den Männern um die beiden Ausbrecher gehandelt habe.
Fahndung
1. Michael Heckhoff:
50 Jahre alt und ca. 175cm groß. Er hat eine kräftige Statur, trägt einen Oberlippenbart und hat schütteres braunes Haar. Michael H. hat braune Augen.
2. Peter Paul Michalski:
46 Jahre alt, 176cm groß und schlank. Er hat eine Halbglatze, graues Resthaar (Haarkranz) unrasiert.
Quelle: Polizei NRW
Der Aachener Polizeipräsident Klaus Oelze bat die Bevölkerung um Mithilfe, warnte aber gleichzeitig vor den Entflohenen. "Das sind zwei hochgefährliche Männer - gewalttätig, gewaltbereit und bewaffnet", sagte er. Niemand solle versuchen, sie auf eigene Faust festzunehmen. Die Zuständigkeit für die Fahndung übernahm unterdessen die Kölner Polizei.
Fahndung "auf Hochtouren"
Die Fahndung nach den bewaffneten Verbrechern laufe "auf Hochtouren", sagte Nordrhein-Westfalens Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) in Düsseldorf. Einzelheiten zu dem am Freitagmittag festgenommenen Justizbediensteten wurden nicht genannt.
Gegen 18.35 Uhr erhielt die Hagener Polizei von der Bundespolizei Hagen Kenntnis darüber, dass ein Mitarbeiter der Bundespolizei in der S-Bahn S8 auf dem Weg von Düsseldorf nach Hagen zwei verdächtige Männer gesehen habe, bei denen es sich um die flüchtigen Strafgefangenen aus Aachen handeln könnte. Der Zug ist im Hauptbahnhof Hagen gestoppt worden.
Der Bereich um den Zug wurde geräumt und der Bahnhof abgesperrt. Die angeforderte Spezialeinheiten der Polizei NRW durchsuchten den Zug. Dabei wurde einer der als verdächtig gemeldeten Männer angetroffen und überprüft. Es handelte sich um einen 53-jährigen Hagener. Es hatte keinerlei Bezug zu den Flüchtigen.
Wegen Mordversuchs verurteilt
Bei den Flüchtigen handelt es sich laut Polizei um den 50 Jahre alten Michael Heckhoff und den 46-jährigen Peter Paul Michalski. Beide wurden zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Sie saßen sei Oktober 2008 beziehungsweise Februar 2006 in der Haftanstalt Aachen.
Heckhoff war nach einer Geiselnahme in der JVA Werl 1992 wegen Mordversuchs verurteilt worden. Bei der Geiselnahme waren zwei Geiseln angezündet worden, die zuvor mit brennbarer Flüssigkeit überschüttet worden waren. Michalski saß wegen Mordes und schwerer räuberischer Erpressung hinter Gittern. Die Taten beging er den Angaben zufolge 1993 bei zwei Raubüberfällen während eines Hafturlaubes.
Die als rücksichtslos geltenden Verbrecher waren demnach am Donnerstag gegen 20.20 Uhr aus dem Aachener Gefängnis geflohen, nachdem sie einen Wächter und womöglich auch den Pförtner überwältigt hatten. Die beiden Verbrecher entkamen mit zwei Pistolen samt jeweils acht Schuss Munition, die aus dem Tresor in der Pforte der JVA stammen.
Den Angaben zufolge fuhren sie von Aachen mit einem Taxi zunächst ins rund 50 Kilometer entfernte Kerpen. Gemeinsam mit dem Aachener Taxifahrer bestiegen sie dort ein weiteres Taxi, mit dem sie in die Kölner Innenstadt fuhren. An der Domplatte neben dem Kölner Hauptbahnhof verlor sich dann gegen 22.30 Uhr ihre Spur. Die Taxifahrer blieben unverletzt.
Straßensperrungen und Durchsuchungsaktionen
Nach dem Ausbruch löste die Aachener Polizei umgehend eine Großfahndung aus, die sich auch ins benachbarte Ausland erstreckte und bei der unter anderem Hubschrauber eingesetzt wurden. Am Freitag gingen bei verschiedenen Polizeidienststellen unter anderem in Bonn, Koblenz und im Rhein-Sieg-Kreis Hinweise von Zeugen ein, die die Flüchtigen gesehen haben wollen. Daraufhin gab es Straßensperrungen und Durchsuchungsaktionen, die zunächst aber ergebnislos blieben.
Die Kriminellen wurden von den Ermittlern als "äußerst brutal" beschrieben. Der Aachener Polizeipräsident Klaus Oelze rief die Bevölkerung um Mithilfe auf, warnte aber davor, eigenmächtig gegen die Verbrecher vorzugehen. Es handele sich um "hochgefährliche Männer", die gewaltbereit und gewalttätig seien, sagte Oelze.
Das Gefängnis in Aachen gilt als moderne Haftanstalt: Der Bau wurde 1994 in Betrieb genommen und bietet nach einer Erweiterung im Jahr 2004 Platz für rund 690 männliche Straf- und Untersuchungsgefangene sowie etwa 50 Menschen in Sicherungsverwahrung. Die Anstalt verfügt zudem über eine sozialtherapeutische Abteilung mit rund 35 Bewohnern. Derzeit sind laut Piepenkötter in der Aachener JVA 741 Menschen inhaftiert.
SPD fordert Frühwarnsystem
Die SPD verlangt eine lückenlose Aufklärung von Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU). "Sollte sich der Verdacht einer Fluchthilfe durch einen oder mehrere Bedienstete bestätigen, müssen die Hintergründe vollständig aufgedeckt werden", sagte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Ralf Jäger, am Freitag in Düsseldorf. Nur dann ließen sich die notwendigen Konsequenzen ziehen, "um solche Verstrickungen künftig zu vermeiden".
"Wir brauchen ein Frühwarnsystem, das Versuche zur Fluchthilfe möglichst früh enttarnt und verhindert", sagte der SPD-Innenexperte weiter und erinnerte an Fälle von JVA-Ausbrüchen in den letzten Jahren. "Wieder einmal müsse man die Justizministerin auffordern, so schnell wie möglich dem Landtag über die Umstände und Ursachen einer Flucht Auskunft zu geben", sagte der SPD-Politiker.
Zahlreiche spektakuläre Gefängnisausbrüche
In Nordrhein-Westfalens Haftanstalten gab es in der Vergangenheit zahlreiche spektakuläre Ausbrüche, wofür sich Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) immer wieder kritische Fragen zur Sicherheit in den Haftanstalten des Landes stellen lassen musste.
Allein in den vergangenen sieben Jahren sind aus den Justizvollzugsanstalten (JVA) in Nordrhein-Westfalen rund 20 Gefangene entflohen.
Zuletzt schaffte im November 2008 ein Krimineller einen filmreifen Ausbruch aus der JVA Willich (Kreis Viersen). Der Drogendealer hatte sich in einem Pappkarton bei einer Lkw-Lieferung aus dem Gefängnis geschmuggelt.
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