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Gewerkschafter im Interview
Polizei: Ausschreitungen im Flüchtlingsheim waren absehbar

Polizeigewerkschaft: Kein Dauereinsatz von Beamten an Notunterkünften
FOTO: dpa
Düsseldorf. Bei Ausschreitungen in der Flüchtlingsunterkunft Kassel-Calden sind 14 Menschen verletzt worden. Um ähnliche Fälle zukünftig zu vermeiden, muss deutlich mehr Personal eingesetzt werden, fordert Sebastian Fiedler, stellvertretender Bundesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Von Ludwig Krause

Herr Fiedler, kommen Konflikte in Flüchtlingsunterkünften wie der in Kassel-Calden für Sie überraschend?

Sebastian Fiedler: Nein, überhaupt nicht. Einiges spricht dafür, dass wir es, wenn sich die derzeitige Lage nicht ändert, zukünftig immer wieder mit ähnlichen Fällen zu tun haben werden.

Wie kommen Sie zu der Einschätzung?

Fotos: Polizeieinsatz wegen Prügelei in Flüchtlingsheim FOTO: Patrick Schüller

Fiedler: Was wir derzeit erleben, sind nur die Auswirkungen eines Phänomens. Die Ursachen sind ganz andere. Mir fehlt bei der ganzen Diskussion der Aspekt der Prävention. Wir haben eine gewisse Idee davon, bei welchen Flüchtlingsgruppen wir es im Schwerpunkt mit welchen möglichen Straftaten zu tun haben könnten. Bei Flüchtlingen aus den Balkanländern haben wir es eher mit Eigentumsdelikten zu tun. Bei Flüchtlingen aus Syrien ist manchmal unklar, ob die Flüchtlinge wirklich Syrer sind oder aus anderen Nationen kommen. Sie sind vielleicht schon vorbestraft oder wurden abgeschoben und versuchen jetzt, nach Deutschland zu kommen. Mit diesem Hintergrundwissen müssen wir von vorne herein ansetzen.

Welche Rolle spielt dabei die Gruppendynamik in den Unterkünften?

Fiedler: Eine ganz entscheidende. Bisher sehe ich keine effektive Steuerungskomponente dafür, welche Flüchtlingsgruppen wohin geschickt werden. Das Kernproblem von Anfang an ist, dass alle möglichen Ethnien auf engstem Raum über Wochen und Monate zusammen leben müssen. Wir müssen es im Bestfall schaffen, die Flüchtlinge geordneter unterzubringen. So können sie auch viel gezielter und effektiver betreut werden. Zum Beispiel auch, was Dolmetscher angeht.

Wie stellen Sie sich die Präventionsarbeit konkret vor?

Fiedler: Den betreffenden Menschen muss von Anfang an klar gemacht werden, dass sie bei uns herzlich willkommen sind, sich aber an gewisse Regeln zu halten haben, zum Beispiel gegenüber unseren Beamten im Einsatz. Und dass ihnen ernsthafte Konsequenzen drohen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Viele der Menschen in den Unterkünften nutzen ihre Smartphones, dort erreichen wir sie am besten. Mit einer eigenen App in verschiedenen Sprachen.

Muss die Polizei dauerhafte Präsenz im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften zeigen?

Fiedler: Im Regelfall sind private Sicherheitsdienste an den Unterkünften im Einsatz. Diese Arbeit können wir auf Dauer auch gar nicht leisten. Damit rächt sich in jeder Hinsicht die Sparpolitik der vergangenen Jahre. Auch wenn das Land NRW jetzt mehr Polizisten einstellt, dauert es seine Zeit, bis diese auch ausgebildet und im Einsatz sind. Aber selbst dann könnten wir nicht permanent an den Unterkünften im Einsatz sein. Darum müssen wir die Standards für die Sicherheitsdienste überprüfen. Zum Beispiel, ob das eingesetzte Personal für die derzeitige Anzahl an Flüchtlingen ausreicht, oder ob man mehr Mitabeiter der Sicherheitsdienste einsetzt.

Mit was für einer Entwicklung rechnen sie in den kommenden Monaten und Jahren?

Fiedler: Man muss kein Schwarzseher sein, um zu sagen, dass die Zahl der Straftaten steigen wird. Wir erleben derzeit einen Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge. Ein gewisser Prozentzahl der Gesamtbevölkerung ist immer kriminell, daher werden auch Straftaten zunehmen.

Mit Sebastian Fiedler sprach Ludwig Krause

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