Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung: Rätsel um tote Frühchen in Siegen
zuletzt aktualisiert: 05.09.2011 - 10:56Siegen (RP). Nach dem Tod dreier Babys in einer Siegener Kinderklinik ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Der Verdacht richte sich nicht gegen eine konkrete Person, sagte Oberstaatsanwalt Johannes Daheim am Montag. Unterdessen ist die Todesursache der drei Frühgeborenen weiter unklar.
Eine erste Obduktion habe keine Ergebnisse gebracht, sagte Daheim. Nun würden weitere toxikologische, histologische, neuro-pathologische und bakteriologische Untersuchungen durchgeführt. Mit Ergebnissen sei erst in einigen Tagen zu rechnen. Einige Untersuchungen könnten nach Auskunft der Rechtsmedizin sogar vier bis sechs Monate dauern, sagte Daheim.
Drei Babys sind innerhalb von zwei Tagen in einer Kinderklinik des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im nordrhein-westfälischen Siegen gestorben. Die Staatsanwaltschaft ordnete für zwei der drei Leichen gestern eine Obduktion an. Wie ein Polizeispirecher am Montag bekannt gab, hat diese allerdings kein eindeutiges Ergebnis gebracht. Nun seien weitere rechtsmedizinische Unetrsuchungen notwendig. Das dritte Baby ist bereits bestattet worden. Bei den toten Kindern handelt es sich um sogenannte Frühchen, wie Staatsanwaltschaft und Polizei mitteilten. Die DRK-Klinik selbst informierte die Staatsanwaltschaft und das Gesundheitsamt des Kreises Siegen-Wittgenstein.
Die Klinik sprach von einer "auffälligen Häufung von Todesfällen". Deren Angaben zufolge gab es bei allen drei Frühgeborenen "unterschiedliche Grunderkrankungen, aber unter einem ähnlich fulminant verlaufenden Krankheitsbild". Die Todesursache bei den Frühgeborenen sei derzeit noch unklar, sagte Oberstaatsanwalt Johannes Daheim gestern. Obduktionsergebnisse sowie die Resultate weiterer medizinischer Untersuchungen würden voraussichtlich erst in den nächsten Tagen vorliegen. Weitere Angaben zu den Todesfällen wollte Daheim zum jetzigen Zeitpunkt nicht machen.
Klinik verständigte selbst die Behörden
Das dritte tote Frühgeborene, das als erstes der drei Kinder gestorben war, ist bereits im Ausland beigesetzt worden. Die drei Frühgeborenen starben Ende August und Anfang September. "Wir sind geschockt von den Fällen", sagte die Verwaltungsleiterin der Klinik, Stefanie Wied. Man habe die Behörden informiert, um "im Interesse aller Beteiligten zu einer raschen, umfassenden Aufklärung der Todesfälle beizutragen". Heute will die Polizei wahrscheinlich weitere Informationen bekanntgeben.
Als Frühgeborene oder "Frühchen" gelten Kinder, die mindestens drei Wochen vor dem errechneten Termin – also vor dem Ende der 37. Schwangerschaftswoche – zur Welt kommen. Dabei wird zwischen extrem früh Geborenen (weniger als 28 Schwangerschaftswochen), sehr früh Geborenen (28 bis 31 Wochen) und mäßig früh Geborenen (32 bis 37 Wochen) unterschieden. Bis zu zehn Prozent aller Kinder kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Bei der Geburt wiegen Frühchen oft weniger als 2500 Gramm, manchmal sogar weniger als 1500 oder 1000 Gramm. In wenigen Fällen überleben Babys mit einem Geburtsgewicht von nur 500 Gramm, meistens aber mit bleibenden Behinderungen.
Frühere Fälle alarmieren Experten
Der Fall in der Siegener DRK-Klinik weckt Erinnerungen an den Skandal um die drei Babys, die im August 2010 in der Mainzer Uniklinik gestorben sind. Damals hatten elf Kinder auf einer Intensivstation eine mit Darmbakterien verunreinigte Nährlösung bekommen. Drei Babys, darunter zwei Frühchen, starben daraufhin. Vier weitere der betroffenen kleinen Patienten zeigten zwar Symptome einer Infektion, ohne dass sich ihr Zustand jedoch lebensgefährlich verschlimmerte.
Damals wurde mit einer externen Expertengruppe unter anderem der Frage nachgegangen, wo es in den Klinik-Abläufen zu der Verunreinigung der Nährlösungen gekommen war. Infrage kamen die Krankenhausapotheke, wo die Lösungen zusammengemischt wurden, sowie der Hersteller der speziellen Baby-Nahrung. Sicher war laut der Untersuchung nur, dass die Nährlösungen schon keimbelastet die Intensivstation erreichten.
Mitarbeiter des Krankenhauses mussten trotzdem Stuhlproben abgeben, die Keime waren jedoch nicht eindeutig einer Person zuzuordnen. Die externe Expertenkommission sollte außerdem die Abläufe in der Klinik bezüglich der Herstellung und Verabreichung von Infusionen klären sowie die Einhaltung der Hygienevorschriften überprüfen. Die Mainzer Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen später ein, da kein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten festgestellt wurde.
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