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#regrettingmotherhood
"Ich bereue es, Mutter geworden zu sein"

#regrettingmotherhood: "Ich bereue es, Mutter geworden zu sein"
FOTO: dapd, Christoph Soeder
Düsseldorf. Bedingungslose Liebe zu den Kindern. Aufgehen in der Mutterrolle. Was davon ist wahr? Und was ein gesellschaftlicher Anspruch, der Frauen übergestülpt wird? Eine Studie aus Israel zitiert Frauen, die das Muttersein als Horrortrip empfinden. Das Netz diskutiert aufgewühlt. Von Philipp Stempel

Dürfen Frauen am Muttersein leiden? Offen wird in unserer Gesellschaft darüber nicht gesprochen. Insbesondere in Deutschland ist die Mutterrolle bis heute mit Attributen wie bedingungsloser Liebe und Aufopferung für das Wohl der Kinder versehen. Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt: Bis in die 1970er Jahre herrschte die Norm vor, dass Frauen durch Kinder zu ihrer wahren Bestimmung finden.

Offene Klagen über das Muttersein sind bis heute ein gesellschaftliches Tabu. Entsprechend groß ist nun das Aufsehen, das eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath hervorgerufen hat. 23 Frauen kommen darin zu Wort. Donath hatte mit ihnen Interviews geführt, weil sie mit ihrer Rolle als Mutter hadern. Alle verneinten die Frage:

"Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?"

  • "Ja, ich würde unbedingt darauf verzichten, Kinder zu haben", sagt die 38-jährige Doreen, Mutter von drei Kindern. "Wirklich. Ohne mit der Wimper zu zucken." Es täte ihr sehr weh, das so sagen zu müssen und niemals würden ihre Kinder das von ihr zu hören bekommen, weil sie das vermutlich niemals verstehen könnten. "Weil ich sie liebe." Aber wenn sie noch einmal die Wahl hätte, würde sie sich gegen Kinder entscheiden.
  • "Schon während der Schwangerschaft, bereute ich", erzählt Odelya, 26 Jahre alt. Sie habe keine Verbindung zu dem Wesen gespürt, das in ihr heranwuchs. "Ich verstand, dass es ein Fehler war." Sie habe begriffen, dass sie schlichtweg ihr Leben aufgegeben habe.
  • Ebenso eindeutig äußert sich die 57-jährige Tirtza. Schon in den ersten Wochen nach der Geburt habe sie es bereut, Mutter geworden zu sein. "Es war eine Katastrophe. Eine Katastrophe. Ich sah sofort, dass das nichts für mich war, es war der Alptraum meines Lebens." Tirtza beschreibt die Beziehung zu ihrem Kind als Anomalie. Selbst wenn Kinder nach ihrer Mutter rufen, habe sie damit nichts anfangen können. Bis heute.

Was die Soziologin zusammengetragen hat, stellt fundamentale Rollenkonzepte infrage. Die Aussagen, die sie in ihrer Studie zusammengetragen hat, sind alles andere als repräsentativ. Doch sie werfen ein Licht auf Gefühle, die mit einem Tabu belegt sind.

Bemerkenswert: Die Frauen, die sich äußerten, kommen aus unterschiedlichsten Generationen und Einkommens- und Gesellschaftsschichten. Die Autorin beteuert zudem, keine der interviewten Frauen habe eine auffällige Persönlichkeitsstruktur erkennen lassen.

Kinder können Glück, aber auch Last sein

Man muss die Aussagen in dem Papier daher ernst nehmen. Zumal die Frauen sehr differenziert argumentieren. Es ist eben nicht so, dass sie aus purem Egoismus ihre Kinder los werden wollen. Sie hadern nur mit ihrer Rolle als Mutter und dem Verlust ihrer Freiheit. Sie gehen eben nicht auf in einer glücklichen Symbiose aus Mutter und Kind und tun sich damit schwer, mit dem Druck und der Verantwortung.

Viele Eltern werden das zumindest in Ansätzen nachvollziehen können. Kinder zu haben, bedeutet eben nicht nur - wie so oft hineingedeutet - Erfüllung und Glück, sondern auch Verzicht. Bis der Nachwuchs groß ist, teilen Väter und Mütter mit ihnen ihr Leben und geben damit Freiheit, Ungebundenheit und Selbstbestimmung auf.

Große Resonanz im Netz

Die Studie wirft somit ein neues Licht auf die große, immer wiederkehrende Debatte um Gleichberechtigung und das Selbstverständnis von Frauen zwischen den Polen Heimchen am Herd und Rabenmutter. Entsprechend groß ist die Resonanz auf die Studie im Netz, das seit den ersten Berichten über das Thema aufgeregt diskutiert.

Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood finden sich seit einer Woche zahlreiche Beiträge in Blogs und auf Twitter. Darin melden sich vielfach Mütter zu Wort. Solche, die den Begriff "Reue" übertrieben und Klagen über das Muttersein wehleidig finden. Und ebenso solche, die scheinbar nur darauf gewartet haben, dass endlich jemand das Schweigen bricht. "Ich empfinde den Dialog um #regrettingmotherhood wunderschön. Diese Ehrlichkeit ist hoffentlich ein weiterer Schritt zur Befreiung der Frau", heißt es bei Twitter.

Dabei geht es den allermeisten nicht darum, nun ebenfalls öffentlich zu bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Ihnen ist vor allem daran gelegen, sich gegen die Reduzierung aufs Muttersein zu wehren. "Leben im Käfig", betitelt das Blog stoerenfriedas seine Auseinandersetzung mit #regrettingmotherhood.

An anderer Stelle, dem Blog phoenix-frauen.de, setzt sich eine Mutter unter dem Titel "mutter-un-glueck" in schonungsloser Offenheit mit dem Elend des Mutterseins auseinander: "Das Leben mit meinen Kindern ist für mich eine konstante Herausforderung und ich erlebe mich häufig sehr schwach und auch unfähig und hilflos. Es gibt so viele Momente, wo ich einfach nicht weiter weiß." Obwohl sie ihre Kinder liebe, wünsche sie sich dann ein kinderloses Leben zurück.

Endlich als Mutter über die Schattenseite eines Lebens mit Kindern sprechen können - offenkundig ist auch das ein Grund, warum das Thema bei Frauen ein so großes Echo auslöst.

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